Ertrinkungsunfälle zur Urlaubszeit

Es ist Sommer, die Menschen wollen ins Wasser – doch nicht immer geht das gut! Philipp hat sich am Strand ein paar Gedanken zu Ertrinkungsunfällen gemacht – diese können sehr schnell sehr bedrohlich enden, aber laufen zum Glück oft auch glimpflich ab.

Im folgenden Beitrag soll es um die initiale Versorgung von Patienten nach Ertrinkungsunfall gehen und die Besonderheiten dieser Patienten benannt und erklärt werden.

Definitionen: 

Ertrinkungsunfall: Prozess der aus einer primären respiratorischen Beeinträchtigung durch Eintauchen und/oder Untertauchen in ein flüssiges Medium resultiert

Immersion: Eintauchen in Wasser

Submersion: Untertauchen in Wasser (Kopf ist mit Wasser bedeckt)

Pathophysiologische Aspekte:

Bei Submersion kommt es im Rahmen des Ertrinkens zu einem reflektorischen Atemanhalten mit meist folgendem Laryngospasmus und dem Verschlucken von Wasser. Die Folge ist ein nach wenigen Minuten einsetzender Kreislaufstillstand mit vorrausgehender Bradykardie.

Die reine Immersion in Wasser führt zu einem zügigen Wärmeverlust durch Konvektion und Konduktion (Wasser hat eine 24 mal höhere Wärmeleitfähigkeit als Luft) und damit rasch zu einer Hypothermie.

Rettung aus dem Wasser:

Rettung aus dem Wasser sollte möglichst schnell und bereits durch Laien erfolgen. Möglichst sollten die Retter selbst dabei ausserhalb des Gewässers durch (schwimmfähiges) Rettungshilfsmittel die verunfallte Person unterstützen.

Die Rettung aus dem Wasser selbst sollte möglichst in der Horizontalen erfolgen (Bergetod durch Verlagerung kalter Flüssigkeit oder Versacken von Blut im Rahmen einer Hypovolämie). Eine Wirbelsäulenimmobilisierung ist ohne entsprechende Unfallanamnese (Sprung in flaches Gewässer, Jetskiunfall etc.) nicht notwendig.

Nach der Rettung sollte bei Atemstillstand unmittelbar eine Beatmung erfolgen. Bei leblosen Ertrinkungsopfern kann durch ausgebildete Rettungsschwimmern die Beatmung bereits im Wasser begonnen werden, wenn keine unmittelbare Rettung aus dem Wasser möglich ist.

Reanimation:

  • nach Rettung aus dem Wasser auf festem Untergrund und nach zwei initialen Beatmungen mit Thoraxkompressionen beginnen
  • bei meist hypoxischem Kreislaufstillstand ist eine Beatmung unabdingbar

Atemweg und Beatmung:

  • spontan atmende Patienten sollen mit Sauerstoff (möglichst 10-15l/min über Reservoir) oxigeniert werden
  • besteht trotz Sauerstoffgabe eine respiratorische Insuffizienz kann bei geeignetem Patienten eine nicht invasive Beatmung (z.B. CPAP mit 5-10cm H2O PEEP) versucht werden
  • bei zunehmender respiratorischer Verschlechterung oder unsicherem Atemweg sollte frühzeitig intubiert werden. Hierbei ist durch die oft nach Aspiration schlechte Compliance und den ggf. mit Wasser gefüllten Magen die Anwendung von supraglottischen Atemwegshilfen eher zu vermeiden.
  • Der Intubation sollte eine möglichst optimale Präoxigenierung vorausgehen und eine Absaugung vorbereitet werden
  • nach Verifikation der Tubuslage soll ein Ziel spO2 von mind. 94% angestrebt werden, hierfür kann teilweise ein hoher PEEP (zB. 10-15cm H2O) notwendig sein

Die Unterscheidung zwischen Süß- und Salzwasserertrinken ist mittlerweile Überholt. Durch die Aspiration von Wasser kommt es jedoch zum Auswaschen von Surfactant und dadurch zu Atelektasen und die Entwicklung eines Lungenödems und einem frühzeitigen ARDS. Hierbei gilt eine Aspiration von mehr als 1,5-2ml/kgKG Wasser als respiratorisch klinisch relevant.

Ein ARDS nach Ertrinkungsunfall sollte frühzeitig erkannt und entsprechend versorgt werden (protektive Beatmung, ggf. Bauchlage, ggf. ECMO)

Eine prophylaktische Antibiotikagabe zur Vermeidung einer häufig auftretenden Pneumonie ist nicht indiziert und sollte nur bei Ertrinkungsunfall in stark kontaminiertem (Ab-)Wasser erwogen werden.

Der klinisch und subjektiv unauffällige Patienten nach Ertrinkungsunfall:

  • ein Patient mit unauffälligen Vitalparametern und unauffälligem Auskultationsbefund sowie fehlenden klinischen Symptomen braucht keine weitere Überwachung
  • die Mortalität nach initial überlebtem Ertrinkungsnotfall ist niedrig! 
  • Es gibt keinen einzigen (medizinisch dokumentierten) Fall, in dem ein initial asymptomatischer Patient plötzlich Stunden oder Tage nach dem Wasserunfall als Folge dessen verstorben ist.

Quellen:

https://lifeinthefastlane.com/ccc/drowning/

https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/Anaesthesie/fortbildung/pdf/10500887.pdf

https://dasfoam.org/2018/05/18/ertrinken-jetzt-oder-nie-der-mythencheck/

https://www.springermedizin.de/kreislaufstillstand-in-besonderen-situationen/8710066

Autor: gophilipp

Ich bin begeisterter Notfallmediziner aus Nürnberg. Ich arbeite in der Notaufnahme und als Notarzt sowie ärztlicher Dozent und versuche mich mit Nerdfallmedizin an der FOAMed Welt zu beteiligen.

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