Anionenlücke in der Notfallmedizin

Die Anionenlücke ist für Viele erstmal ein etwas abstraktes Rechenkonstrukt – dabei ist sie auch für Nicht-Nerds hilfreich. Wo man sie braucht und Tipps, wie man sie pragmatisch einsetzt gibt’s im neuen Video.

Was ist eigentlich diese Anionenlücke?

Die Anionenlücke graphisch in grau dargestellt. Links eine normale Anionenlücke, rechts eine vergrößerte Anionenlücke – vergrößert, weil ein unbekanntes Anion zusätzlich vorliegt.

Die Anionenlücke ist eigentlich nicht vorhanden. Klingt komisch, ist aber so! Denn: Positive und negative Ladungen liegen im Blut in gleicher Menge vor (sonst wären wir ja dauerhaft geladen). Wir erfassen im Routinelabor allerdings einige Anionen regelhaft nicht – das bezeichnet man als die Anionenlücke.

Es gibt verschiedene Ansätze, um die Anionenlücke zu bestimmen. Der einfachste, pragmatischste und gerade für die Notfallmedizin gut anwendbare ist folgender:

Anionenlücke = Na – (Cl + HCO3)

Eine normale Anionenlücke nach dieser Berechnung ist etwa 3-10mmol/l groß. Abhängig von der Berechnungsform der Anionenlücke, können diese Normwerte allerdings etwas abweichen.

Warum brauche ich die Anionenlücke?

Insbesondere bei metabolischen Azidosen kann die Anionenlücke bei der Ursachensuche helfen. Hier können zwei Arten der Anionenlücke unterschieden werden.

  1. Additionsazidose
    • ein Anion kommt hinzu (Laktat, Ketone etc.) und es kommt zu einem Abfall von Bicarbonat. Die Anionenlücke wird daher vergrößert.
  2. Subtraktionsazidose
    • Bicarbonat wird verloren (z.B. Niereninsuffizienz oder Durchfall) und durch einen Anstieg von Chlorid ausgeglichen (hyperchloräme Azidose). Die Anionenlücke bleibt in diesem Fall unverändert.

Zusammengefasst, kann man durch die Anionenlücke also erkennen, ob zu viele Anionen im Körper sind und daher Rückschlüsse auf die vorliegende Ursache ziehen.

Vergrößerte Anionenlücke

Ursachen einer zu großen Anionenlücke merkt man sich leicht mit KUSMAUL. (Ketone, Urämie, Salizylate, Methanol, Aethylenglykol, (Urämie again), Laktat)

Etwas umfangreicher ist das Mnemonic GOLDMARK (Glykol, Oxoprolin, L-Laktat, D-Laktat, Methanol, Aspirin, Renal Failure, Ketone) – hier wird das Abbauprodukt von Paracetamol Oxoprolin (insb. bei PCM-Daueraufnahme manchmal vermehrt anfallend) und das D-Laktat (bei Patienten mit Kurzdarmsyndrom) zusätzlich ergänzt.

Egal wie man sich die Ursachen der Anionenlücke merkt, die Ursachensuche nach einer vergrößerten Anionenlücke lässt sich in der Notaufnahme recht schnell und einfach abhandeln:

  1. Anamnese:
    • ist der Patient nierenkrank (genug Urin in den letzten Tagen), liegen Voroperationen/Teilresektionen am Darm vor, werden Medikamente (insb. Paracetamol) dauerhaft eingenommen oder ein Diabetes oral mit SGLT-2 Inhibitoren (-gliflozin) behandelt?
    • Wird alles verneint sind Urämie, Oxoprolin oder D-Laktat als Ursache sehr unwahrscheinlich.
  2. Laktat?
    • Laktat sollte in jeder BGA enthalten sein, diese Ursache für eine Azidose sollte also schnell erkannt sein..
  3. Ketoazidose:
    • Ist der Blutzucker zu hoch? Wird ein Diabetes oral mit SGLT-2 Inhibitoren (-gliflozin) behandelt? Besteht nur minimale Nahrungsaufnahme (bzw. Low-Carb Diät)?
    • Wird alles verneint, ist eine Ketoazidose als Ursache extrem unwahrscheinlich! (Ausschließen kann man sie durch die Messung von Ketonen im Urin/Serum)
  4. Intoxikation:
    • Wurde Punkte eins bis drei abgeklärt, ist eine Intoxikation zunehmend wahrscheinlich und muss IMMER als Differenzialdiagnose von einer vergößerten Anionenlücke in Erwägung gezogen werden.

Anionenlücke zu klein??

Selten kann die Anionenlücke auch mal zu klein (oder sogar negativ sein). Gründe dafür sind z.B.:

  • Hypalbuminämie
  • Hyperchloridämie
  • Lithiumintoxikationen

Gute Quellen:

Anionenlücke auf News-Papers

SOP Metabolische Azidose – Klinikum Nürnberg

Autor: Philipp Gotthardt

Ich bin begeisterter Notfallmediziner aus Nürnberg. Ich arbeite in der Notaufnahme, Intensivstation und als Notarzt sowie ärztlicher Dozent und versuche mich mit Nerdfallmedizin an der FOAMed Welt zu beteiligen.

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