NERDfall Nr. 12 – Sturz aus 8m im Bikepark

Hallo und guten Tag alle zusammen, herzlich willkommen! Die NERDfälle werden ein Jahr alt. Yeah! 😉 Vielen vielen Dank für eure Teilnahme, den Austausch und all die super coolen, respektvollen Diskussionen.
Wir haben nun eine kleine Bitte an euch Nerds:
Um uns (für euch) weiter zu verbessern, möchten wir euch darum bitten, Meinungen, Lob und Verbesserungsvorschläge (gerne ausführlich) mit uns zu teilen. Hierfür wird es bald eine extra Umfrage geben – gerne könnt ihr uns aber auch schon vorab eine Mail oder einen Kommentar schreiben.

Und jetzt natürlich viel Spaß mit NERDfall Nr.12!

An einem warmen Samstagmittag schrillen die Melder auf einer ländlich gelegenen Rettungswache: RTW und NEF werden unter dem Stichwort ‚Sturz‘ zum nahegelegenen Indoor-Bikepark alarmiert. Der Alarmierungstext versetzt das gesamte Team in einen Zustand nervös-produktiver, bis leicht vorfreudiger Konzentration. Die Anfahrt dauert etwa 9 Minuten.

Nach Eintreffen am Einsatzort wird das Team von einer unruhigen Einweiserin schnellen Schrittes zur gestürzten Radfahrerin geführt, welche noch mitten auf der – inzwischen gesperrten – Bike-Strecke liegt. Der Weg zur Patientin führt ebenerdig durch ein Foyer und eine breite Öffnung der Werbebande, welche den Bikepark umgibt. Beim ersten Blick auf die junge Sportlerin (170cm / ca. 70kg) zeigen sich keine katastrophalen Verletzungen oder gravierende Einschränkungen der Vitalfunktionen, die Atemfrequenz ist normwertig. Der Sturz erfolgte auf eine Weichbodenmatte, wie man sie bspw. aus dem Schulsport kennt. Die Patientin ist von oben bis unten in Protektoren eingekleidet, der unbeschädigte Integralhelm wurde ihr bereits abgenommen. Am Kopf kniet ein sehr besorgter Ersthelfer – Vater der Patientin – und fixiert mit beiden Händen den Kopf seiner Tochter. Diese ist wach, ansprechbar und macht einen rundum orientierten Eindruck. Ihr etwas fahl koloriertes Gesicht zeigt eine ängstlich, schmerzerfüllte Mimik. „Mein Nacken tut so weh“, ist ihre Antwort auf die Begrüßung des Teams.

Der NFS des RTW löst den Vater bei der Inline-Fixierung ab und bleibt wachsam bezüglich Atemweg und Atmung. Gleichzeitig beginnt der Notarzt mit der schnellen Traumauntersuchung (STU), die Rettungssanitäterin nimmt sich dem Öffnen, Aufschneiden und Entfernen der Protektoren am gesamten Körper an. Die STU fördert unmittelbar eine deutliche Druckdolenz mit Muskelhartspann paravertebral auf Höhe C6/C7 zutage. Hier liegt keine Stufenbildung, kein sichtbares Hämatom oder eine Krepitation vor. Die weitere STU bleibt ohne Auffälligkeiten. Durchblutung, Motorik und Sensibilität sind auch in der Peripherie (pDMS) aller Extremitäten uneingeschränkt. Selbstverständlich erfolgte die DMS-Kontrolle an vollständig entkleideten Händen und Füßen. Die Rekap-Zeit beträgt 2 Sekunden, die Haut zeigt sich warm und trocken.

Während sich NEF-NFS und RS der Anlage des Monitorings und zweier venöser Zugänge annehmen, widmet sich der Notarzt der Anamnese: Die Patientin gibt an, bei einem (zu) hohen Sprung mit ihrem Bike zunächst mit dem Kopf von unten gegen die Hallendecke und in der Folge ca. 8m tief mit der linken Körperseite samt ihrem Sportgerät auf den weichen Hallenboden gestürzt zu sein. Nach der Kollision mit der harten Hallendecke sei ihr kurz schwarz vor Augen geworden, der nächste Sinneseindruck sei dann die unangenehme Landung gewesen. Hiernach habe sie für einige Sekunden ein Kribbeln im gesamten Körper empfunden, welches inzwischen jedoch wieder abgeklungen sei. Außer den starken Schmerzen im Nacken (NRS = 6) gehe es ihr eigentlich gut. Vorerkrankungen und -operationen, eine Dauermedikation oder Allergien bestünden nicht. Gelegentlich konsumiere sie Cannabis, vor ungefähr zwei Wochen habe sie zudem ASS wegen Kopfschmerzen eingenommen. Die letzte Mahlzeit sei ein etwa vier Stunden zurückliegender schwäbischer Wurstsalat gewesen.

Laut des Vaters sei sie nie bewusstlos gewesen und habe nach dem Sturz sofort geschrien. Seine Tochter habe sich selbstständig in Rückenlage verbracht, er habe anschließend den Helm abgenommen und den Kopf fixiert. Dabei sei ihm insbesondere in den ersten Augenblicken eine deutliche Verlangsamung aufgefallen, zudem habe er ihr mehrmals sehr ähnliche Fragen zum Unfallhergang beantworten müssen.

Zu diesem NERDfall werden bis Montag (17.05) zwei weitere Zusatzinfos erscheinen.


Wie würde dein weiteres Vorgehen aussehen?

Wie würdest du das Thema Immobilisation angehen?


Autor: Navid Azad

Ich studiere Medizin und Philosophie und würde mich als Notfallmedizin-Enthusiasten beschreiben. Non-Technical-Skills, Ethik, EKGs und transparente Lehre machen mich glücklich.

10 Kommentare zu „NERDfall Nr. 12 – Sturz aus 8m im Bikepark“

  1. Da hier kein A-C-Problem vorliegt, können wir uns voll dem D-Problem widmen.
    Immobilisation ist da auf jeden Fall ein guter Einfall, zumal hier 2 Hochrisikofaktoren nach C-Spine-Rule vorliegen. Spineboard ist dabei nur das Mittel der zweiten Wahl, da hier aber z.B. keine Scherben herumliegen, sollte man ruhig die Vakuummatratze nutzen.
    Beckenschlinge ist auf jeden Fall eine super Idee, diese ist allein schon aufgrund der Kinematik indiziert.
    Vor Transportbeginn sollte auf jeden Fall ausgeschlossen werden, dass das herunterfallende Fahrrad eine verdeckte Begleitverletzung verursacht hat, z.B. ein Abdominaltrauma. Wir können die Augenzeugen noch befragen, im Krankenhaus gibt es diese Möglichkeit nicht mehr.
    Absaugbereitschaft ist auch gut, aber der erbrechende immobilisierte Patient ist so mittel toll. Frage an die Medikamentenexperten: Sollte man hier präventiv Antiemetika (z.B. Vomex) geben?

    1. Also bei mir gibt’s Vomex nur bei Schwindel mit Erbrechen, oder bei Übelkeit mit Erregung, um etwas abzuschirmen, weil es die Beurteilung der Vigilanz im Verlauf für meinen Geschmack zu sehr beeinflusst. Ansonsten greife ich zu Ondansetron – oder zum guten alten MCP.

  2. Wenn ich sie zur Verfügung stehen würde ich Einmal Headblocks verwenden; die Patientin mittels Schaufeltrage auf das Vakkuumbett lagern ( inkl. der Einmalheadblocks ) und großen Wert auf die Fixierung des Kopfes im Vakuumbett legen . Ich verstehe gar nicht, dass in den meisten RD Bereichen immer noch keine Einmal-Headblocks vorgehalten werden, aber die sogar teueren Stifnecs zur Standartausrüstung gehören.

    1. In UK rollen sie standardmäßig ein Laken von beiden Seiten auf, legen den Kopf in die Mitte und kleben das mit Backeband fest. Sicherlich die Kostenträgerfreundlichste Lösung, aber Laken sind auch auf den meisten deutschen Rettungsmitteln verfügbar 😉

  3. Hey Navid,

    danke für das Fallbeispiel!
    Mir ist ein kleiner Fehler aufgefallen:

    „deutliche Druckdolenz mit Muskelhartspann paarvertebral auf Höhe C6/C7 zutage. “
    -> sollte vermutlich PARAvertebral heißen oder? 😉

    LG

  4. Ich denke an Hws Fraktur mit beginnenden neurogenen Schock – Zugang , Stiffneck und Spineboardt, Schmerz Therapie und per RTH in ein haus der Maximalversorgung lg Ralf Schülzke

    1. Mit welcher Begründung siehst du hier einen Schock ?!
      Erstmal ist die DMS intakt und zweitens, sagen die Vitalwerte was ganz anderes.
      Ob ein RTH notwendig ist, darüber kann man sich streiten.

      Mein Vorschlag wäre hier eher, schonender Transport mit Vakuummatratze, je nachdem wie weit es ist.

  5. Der Meldetext (Anaphylaxie und Dyspnoe) passt irgendwie nicht zum Fall. Ansonsten spannend. Auch spannend wird, wie die Stiffneck ja oder nein-Debatte ausgeht. 😆

    Und: Spineboard oder Vakuummatratze? Ich bin gespannt 😆

    1. Hey Barca,
      vielen Dank für deine Anmerkung! Solche Tipps sind einfach goldwert – pdf ist geändert.
      Ich bin auch gespannt, was die Debatte noch so mit sich bringt 😉
      Liebe Grüße

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