NERDfacts Folge 6/2021 Stromunfall

Stromunfall

Nicht selten stellt sich der ungeschickte Heimwerker in der Notaufnahme vor, der beim Lampe aufhängen eine „gewischt“ bekommen hat. Meistens sind diese Fälle harmlos. Bei Starkstrom sieht das schon anders aus. Hier fließt nicht nur mehr Strom. Auch die v.a. thermischen Begleitverletzungen haben es in sich.

Das pdf zu dieser Folge findet Ihr hier:

Fact 1 – EIGENSCHUTZ!

Vor allem bei Unfällen mit Hochspannung ist auf den Eigenschutz zu achten. Hier können auch noch über mehrere Meter Spannungsbögen überschlagen und die Einsatzkräfte gefährden (sog. Spannungstrichter). Dies können bis zu 20m sein! Auch auf Bahnanlagen ist besondere Vorsicht geboten, da hier evtl. zusätzlich noch mit Schienenverkehr zu rechnen ist. Immer sollte die Feuerwehr, der Notfalldienst der Bahn oder der Energieversorger informiert werden. Meist erfolgt dies über die Leitstelle. Erst wenn die Einsatzstelle sicher stromfrei ist, darf man sich dem Patienten nähern. Patienten die am Strom „kleben“ bleiben (durch den Strom verkrampfen die Muskeln und der Patient kann die Quelle nicht loslassen) sollten nicht berührt werden, um nicht selbst einen Stromschlag zu erleiden (ggf. mit nicht leitender Stange z.B. aus Holz Patienten wegstoßen). Bei Nässe ist durch die Leitfähigkeit des Wassers besondere Vorsicht sinnvoll.

Fact 2 – STARKSTROM VS. HAUSHALTSSTROM!

Bei der Beurteilung ist zu beachten, wie hoch die Spannung gewesen ist. Im Haushalt sind 230V üblich. Für kurze Zeit ist dies meist unkritisch, kann aber im ungünstigen Fall aufgrund der Frequenz des Stroms von 50Hz Rhythmusstörungen auslösen. Umgangssprachlich wird 3-Phasenwechselstrom mit 400V als Starkstrom bezeichnet. Hier sollte die Indikation zur Überwachung großzügig gestellt werden. Hochspannung ist wesentlich gefährlicher. Hier sind Spannungen ab 1000V zu erwarten. Ein Blitz kann mehrere Millionen Volt haben. Bei Hochspannung können Lichtbögen entstehen und Patienten und Einsatzkräfte gefährden, obwohl sie die Quelle nicht direkt berühren. Weidezäune haben übrigens teilweise mehrere 1000V. Aufgrund der geringen Stromstärke (Ampère) und dadurch, dass immer nur kurze Strom-Impulse abgegeben werden, ist dies trotzdem meist ungefährlich (aber schmerzhaft – nicht nachmachen).

Auch der Weg, den der Strom nimmt kann für die Beurteilung wichtig sein. Fließt er quasi durch das Herz ist die Gefahr für Rhythmusstörungen größer, als ein Weg am Herz vorbei.

Fact 3 – BEGLEITVERLETZUNGEN!

Bei Stromunfällen ist der Patient auf Begleitverletzungen zu untersuchen. Zum Einen kann der Strom selbst thermische Verletzungen mit schweren Verbrennungen auslösen. Hier sind von Außen manchmal blitzartige Muster zu erkennen. Nicht selten sind aber von Außen nur geringe Verletzungen an den Ein- und Austrittsstellen zu erkennen (z.B. Strommarken). Die durch die hohe thermische Energie verursachten Schäden in der Tiefe können aber erheblich sein, sodass man sich vom wenig beeindruckenden äußeren Schein nicht täuschen lassen sollte.
Zum Anderen können Patienten zum Beispiel durch den Stromschlag Stürzen, von Leitern fallen oder andere Traumata erleiden. Daher sollte auch hier immer ein Bodycheck erfolgen, wie bei jedem Traumapatienten auch.

Fact 4 – DIAGNOSTIK!

Zur Basis Diagnostik gehört das EKG. Hier ist auf Rhythmusstörungen und ST-Veränderungen zu achten. Bei AP-Beschwerden oder Hochspannung sollten Troponin und CK bestimmt werden. Erhöhte Werte deuten auf einen myokardialen oder muskulären Schaden hin. Hier kann es zu massivem Untergang von Muskelgewebe und Crush-Niere kommen. Äußere Verletzungen können im ersten Moment harmlos aussehen (z.B. nur kleine Strommarken). Auf dem Weg durch den Körper kann der Strom aber erhebliche Schäden anrichten.

Bei asymptomatischen Patienten & Haushaltsstrom ist nur ein EKG erforderlich. Evtl. vorhandene Schrittmacher/ICD sollten kontrolliert werden. Patienten mit Beschwerden & alle Patienten mit Hochspannungsunfällen müssen am Monitor für 24h überwacht werden. Risikofaktoren sind u.a. „kleben bleiben“, kardiale Vorerkrankungen, Stromspannung und Begleitverletzungen.

Fact 5 – AMBULANT ODER STATIONÄR!

Während des Transportes und der Zeit in der ZNA ist ein kontinuierliches Monitoring unabhängig von der Art des Stroms sinnvoll, um ggf. auftretende Rhythmusstörungen zu erkennen.

  • Niederspannung + beschwerdefrei + Normalbefund im EKG + keine Begleitverletzungen + kein Schrittmacher/ICD -> ambulantes Management
  • Monitorüberwachung (mind. 24h) bei Hochspannung/„Starkstrom“ >230V oder Beschwerden (v.a. AP) oder EKG-Veränderungen oder Troponinerhöhung

Bei schweren Verbrennungen oder Traumata sollte ein Spezialversorger angefahren werden.


Quellen und weiterführende Infos:

Stromunfall (dguv.de)

Kardiales Monitoring nach Stromunfall (aerzteblatt.de)

Strom- und Blitzunfall | SpringerLink

Notfall: Stromschlag – Klinik – Via medici (thieme.de)

Autor: Tim Eschbach

Ich bin leidenschaftlicher Notfallmediziner und Notarzt. Ich engagiere mich für die Fort- und Weiterbildung im Bereich der inner- und präklinischen Notfallmedizin, insbesondere im Bereich SOPs, CRM und Fehlerkultur.

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