NERDfall Nr. 15 – Teil 2: Dissoziative Krampfanfälle – gar nicht so selten und häufig fehlinterpretiert

Nach einigen geradlinig eskalierenden, medikamentösen Therapievorchlägen, hat sich mit dem erhärtenden Verdacht eines dissoziativen Krampfanfalles dann doch der Beinahe-Konsens eines zurückhaltenden und beschützenden Vorgehens in der Diskussion abgebildet.
Nicht ohne Grund stand jedoch für einige bis zur absoluten Gewissheit die Steigerung von Antikonvulsiva bis hin zur Vollnarkose im Vordergrund.
Dass diese Therapie jedoch bei fehlender Indikation nicht nur zwecklos ist, sondern auch ernstzunehmende, gefährliche Risiken birgt und schlimmstenfalls weitere traumatisierende Erfahrungen schafft steht außer Frage – daher gibt’s diesmal zum Fall-Abschluss neben Krankheitsbild-Infos vor allem eine Übersicht über wegweisende Differenzierungsindikatoren – möglicherweise für den einen oder die andere helfend vereint durch „HAnKS PARESe“ 😉

Aber schauen wir zunächst, wie unser Team die Situation gelöst hat:

[Wer Teil 1 verpasst haben sollte, kann sich hier einen Überblick über den ersten Teil des Falls verschaffen.]

Da dem Notarzt das Krankheitsbild gut bekannt ist, werden die Anweisungen auf dem Zettel geradlinig und ohne Zögern umgesetzt.
Alle männlichen Beteiligten entfernen sich, während der Notarzt zwei MVZ-Mitarbeiterinnen bittet, unterstützt durch den Kontakt des Hundes, beruhigend auf die Patientin einzuwirken.
Der Therapeut kann zunächst nicht erreicht werden, ruft jedoch nach wenigen Minuten zurück. Eine der Damen hält der Patientin das Telefon ans Ohr. Innerhalb des ca. 15-minütigen Telefongesprächs lassen die krampfenden Bewegungen zusehends nach und die Patientin kommt merklich zur Ruhe. Letztlich kann sich die Patientin adäquat mit den Frauen unterhalten, wobei sie weiterhin sehr schläfrig und der Muskeltonus moderat herabgesetzt wirkt, sie ist eindeutig nicht steh- und gehfähig.
In der Zwischenzeit wurde über die Leitstelle ein rein weiblich besetzter RTW organisiert und zusätzlich Kontakt zu einer guten Freundin der Patientin aufgenommen. Der Therapeut bekräftigt den Notarzt in seinem Vorhaben, die Patientin samt Hund vom RTW nach Hause bringen zulassen, wo sie von der besagten, dem Krankheitsbild- und der Medikamentenwirkung-vertrauten Freundin erwartet werden wird.


Und damit Bühne frei für das angekündigte Material:

Dissoziative Krampfanfälle
1. Begriffsklärung
2. Erklärende Fakten & veranschaulichende Zahlen
3. Ursachen, Einflussfaktoren und Komorbiditäten
4. Kurzer Blick durch die Augen der Patient:innen
5. Epileptischer vs. dissoziativer Krampfanfall
– eine Tabelle, Tests und Akronyme können helfen
6. Vorgehen: DOs & DONTs

Dissoziative Krampfanfälle stellen einen von den Betroffenen unkontrollierten Schutzmechanismus dar.
Ziel des Mechanismuses ist es, die Psyche vor den als äußerst belastend empfundenen Einflüssen der Außenwelt schützen. Daher >dissoziiert<, also trennt sich das Bewusstsein im Zuge dieser Anfälle von der bedrohlichen Umwelt.
Die Patient:innen erfahren somit einen außerordentlichen Leidensdruck, während sie wehrlos in diesen Anfällen gefangen sind.

Aber Eins nach dem Anderen:

1. Begriffsklärung

Präklinisch/notfallmedizinisch als Synonym zu sehen: psychogener Krampfanfall
(Dissoziative Anfälle sind eine Unterart psychogener Anfälle)

Da die in diesem Kontext benutzten Begrifflichkeiten sehr vielfältig sind und oft für Verunsicherungen sorgen, hier eine kurze Übersicht:

  • NES = Non-Epileptic Seizure
    Beschreibt nur was es nicht ist, nicht jedoch was es ist.
    Führt daher oft dazu, dass „NES“ irrtümlicherweise -z.T. unterbewusst- als weniger gravierend als epipleptische Krampfanfälle (ES) wahrgenommen werden.
  • PNES = Psychogenic Non-Epileptic Seizure
  • PNEA = Psychogenic Non-Epileptic Attack
    • convulsive PNEA = „Psychogenic non-epileptic attack“mit konvulsiven Äußerungen (= PNES ↑)
  • FND/FNS = Funktionell Neurologische Dysfunktionen / Störungen
    Begriff umfasst funktionelle Einschränkungen für welche keine spezifische organische Ursache festgestellt werden kann.
    Da Begriff für Nicht-Expert:innen sehr schwammig, sorgt er bei Benutzung oft für mehr Verwirrung als für Klarheit
    .
  • Pseudo-Krampfanfall / Pseudo-Status Epilepticus
    Erkennt dem Krankheitsbild -und damit auch den Patient:innen- deutlichen Krankheitswert und Bedeutsamkeit ab; sollte tunlichst vermieden werden.

2. Erklärende Fakten und veranschaulichende Zahlen

  • Von Patient:innen unwillkürlicher Schutzmechanismus; Anfälle werden alles andere als „gespielt“ – They don’t fake it!
  • Bei dissoziativen Krampfanfällen kommt es zu keinen unkontrollierten Hirnneuronen-Entladungen (➔ EEG unauffällig)
  • Patient:innen verlieren indes gezielten Zugriff auf Hirnareale; betroffene Hirnareale werden folglich funktionsunfähig oder übermäßig, unkontrolliert aktiv
  • nicht jeder dissoziative Anfall ist ein dissoziativer >Krampf<anfall.
    Wie auch epileptische Anfälle, können auch sie z.T. sehr diskret verlaufen und weisen somit nicht immer offensichtliche muskuläre Außerungen auf; dabei Unterscheidung in verschiedene Subtypen (s. Quellen)
  • Betroffene neigen oft zum immer gleichen Subtyp oder präsentieren wiederkehrend 2-3 aller Subtypen
  • Die Bewusstseinseinschränkung von Seiten der Patient:innen variiert stark; alles möglich von „bei vollem Bewusstsein gefangen im Anfall“ bis „bewusstlos und im Nachhinein absolut keine Erinnerung“
    mehr dazu s. unten bei „Blick durch die Augen der Patient:innen“
  • Bewegungsmuster ergibt sich oft aus Aktivierung einer unbewusst erlernten Bewegungsvorstellung, dem sog. „Seizure Scaffold“ / „Gerüst“, welches auf folgenden 3 Säulen basieren kann:
    1. Instinktiven, schützenden Bewegungen wie Schlagen, Fäuste ballen, Unterarme vor den Kopf bringen, Augen zu kneifen
    2. Persönlicher Krankheitserfahrung (Epilepsie = häufige Komorbidität)
    3. Krankheitsvorstellungen geprägt durch Krampfanfall-Erleben im Umfeld, TV, Gelesenem
  • Meist ausgelöst durch Reiz, dieser kann auch unterbewusst wahrgenommen worden sein und ist daher nicht immer zuordenbar
  • 10% aller Krampfanfälle, welche notfallmedizinisch vorstellig werden sind dissoziative Krampfanfälle
  • 30% aller Patient:innen, welche unter dissoziativen Krampfanfällen leiden, wurden bereits mindestens 1mal fälschlicherweise intensivmedizinisch mit V.a. Status epilepticus „behandelt“
  • In Epilepsiezentren leiden 30% aller Patient:innen unter dissoziativen Krampfanfällen
  • CAVE: 10-30% aller an dissoziativen Krampfanfall-Betroffenen leiden ebenfalls an epileptischen Krampfanfällen – erschwert nicht nur Diagnosefindung sondern auch Therapie

Diagnosestellung:
erfolgt per Anamnese, Video-EEG, Ausschluss von epileptischen Krampfanfällen + ggf. Provokationstests
(= Suggestive Seizure Induction = SSI) bspw. per Hyperventilation
• Durchschnittliche Zeitspanne von Erstmanifestation bis Diagnosestellung: 7 Jahre

Patient:innen-Gefüge:
• Prävalenz: 2-3/10.000 Menschen
• Durchschnittliches Manifestations-Alter: 28 Jahre
• Geschlechtsverteilung: Frauen >> Männer
Annährung in höheren Altersgruppen; konkrete Zahlen varrieren je nach Studien-Herkunftsland stark

Alle Zahlen sind aufgrund der hohen Dunkelziffer leider mit Bedacht zu betrachten.

3. Ursachen, Einflussfaktoren und Komorbiditäten

Das Spektrum der verursachenden Krankheitshintergründe ist breit und gestaltet sich sehr individuell, trotz allem konnten folgende Umstände ausgemacht werden:

Situative/tagesabhängige Faktoren
Bspw. Schlafmangel, Dehydratation/Durst, Hunger, Drogenkonsum, Erkältung, lange Wartezeiten, überfordernde/neue Umgebung

(Aktuell) belastende Lebensereignisse/-verhältnisse
Verlust einer geliebten Person/Trauerfälle, Belastung durch Krankheitsgeschichten, Arbeitsplatzverlust, Geldsorgen, Streit/länger anhaltende Konflikte, unterdrückte Gefühle (wie heimlicher Ärger oder  verdrängte Wut), fehlende Aufmerksamkeit und Fürsorge

Prägungen durch frühere Erlebnisse & Kindheitstraumen:
• Kinder allgemein hilfloser ➔ psychische Abgrenzung oft einzige Schutzmöglichkeit
• Auslöser nicht immer körperliche Gewalt/Missbrauch; auch emotionale Vernachlässigung oder Verunsicherung durch unzuverlässiges und unvorhersehbares Verhalten der Eltern (bspw. auch aufgrund eigener psychischer Erkrankung) kann Dissoziation bedingen
• Wenn Mechanismus in Vergangenheit bereits erhofften Schutz brachte, Wahrscheinlichkeit zur Reproduktion im Jetzt/der Zukunft erhöht
• Kindliches Hirn sehr lernfähig, Prägung kann sehr stark sein
• Wenn früher oft genutzt, kann schon objektiv kleines Ereignis zur Auslösung führen – auch Jahre und Jahrzehnte später
• Jede Nutzung des Mechanismuses „baut Nervenautobahn aus“; umso länger unbehandelt/misdiagnostiziert, desto schwieriger wird die Therapie!

Niedriger sozioökonomischer Status

Beeinflussung durch Kultur, Religion und Umfeldpolitik

Angeborene gesteigerte Neigung
• auch augenscheinlich/gesellschaftlich-definiert gesunde, stabil-im-Leben-Stehende können bspw. bei einem Autounfall einen dissoziativen Krampfanfall erleiden
• Es muss in der Vergangenheit keine Prägung bzw. ein belastendes Ereignis stattgefunden haben
➔ Haltung à la „Es muss doch etwas geben!“ ist nicht gerechtfertigt!

Festgestellte Komorbiditäten:
Wichtig: das Vorliegen von Komorbiditäten sagt allgemein nichts darüber aus, ob dissoziative Anfälle von ihnen bedingt werden, dissoziative Anfälle selbst zu eben diesen Komorbiditäten beitragen (Bsp. Depression/Soziophobie), sie sich bidirektional beeinflussen und provozieren, oder sich schlicht aus denselben Risikofaktoren ergründen.

• Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
• Persönlichkeitsstörungen
• Depressionen
• Angststörungen
• subjektive kognitive Beschwerden
• Schlafstörungen
• Chronische Schmerzsyndrome
vmtl. da verbunden mit Stress, Hilflosigkeit, Überforderung
• Epilepsie
• Schädel-Hirn-Trauma in Vorgeschichte
• Migräne
vmtl. da verbunden mit Stress, Hilflosigkeit, Überforderung
• Asthma
vmtl. durch Erstickungsangst und Provokation durch Hyperventilation

4. Kurzer Blick durch die Augen der Patient:innen

Beschriebene Empfindungswahrnehmungen vor/während des Anfalls:
• Desorientierung
• Angst
• Loslösung; sind bei Bewusstsein aber können nicht reagieren (s. unten)
• körperliche Phänomene – wie bspw. Palpitationen, Übelkeit, Geschmackssensationen, Stimmverlust
• kognitive Phänomene – wie bspw. Flashbacks oder Dejà Vus

Bewusstseinsbeeinträchtigung:
• Sehr individuell; Ausprägung stark abhängig von Subtyp
• Pat. beschreiben Wahrnehmung oft wie in einem Traum/Film oder auch mit einem „Unter-Wasser-Gefühl“ (bekommen alles überhalb der Wasseroberfläche sehr gedämpft mit)
• z.T. verschobene Zeit-Wahrnehmung; bspw. Zeitlupen-Gefühl oder Zeitsprünge (können sich bspw. nicht daran erinnern, wie sie dorthin gekommen sind)
• Zahlen je nach Studie sehr unterschiedlich; Bsp:
Studie 1: durchschnittlich 11% (1-26%) geben an, während der Anfälle regelmäßig oder immer präsent zu sein
Studie 2: 77% beschreiben häufige Wehrlosigkeit bei vollem Bewusstsein

Allgemein:
> Fühlen sich oft nicht ernst genommen – oft auch nicht von RD/Klinikpersonal
> Frustgefühl, wenn wieder wehrlos in Klinik eingeliefert worden
➔ Vertrauen in Gesundheitssystem und zu Behandelnden geht verloren/kann schwerer aufgebaut werden
> Scham im Umfeld von psychotherapeutischer Behandlung zu erzählen, da Angst „Psycho-Stempel“ zu bekommen
> Aufgrund obiger Punkte und der Angst eines Anfalls in der Öffentlichkeit, kommt es oft zu sozialem Rückzug und Isolation

Hier noch ein kurzes Video mit dem Titel „About non-epileptic attack disorder (NEAD)“ (~5min), in welchem 3 junge Betroffene von ihren Erfahrungen berichten & die Dokumentation „dis-sociated“(~50min), welche 5 Betroffene begleitet und von ihrem Leben mit dissoziativen Krampfanfällen berichtet.

5. Epileptischer vs. dissoziativer Krampfanfall

In folgender Tabelle finden sich Unterscheidungsmerkmale, welche in Studien/im Studienvergleich als signifikant wegweisend beobachtet werden konnten.
Die Betonung liegt hier auf >wegweisend<: zweifellos erfüllen weder die dissoziativen noch die generalisierten epileptischen Krampfanfälle zu jederzeit alle der unten aufgeführten typischen Merkmale; das Beobachten einer einseitigen Symptomkonstellation macht jedoch das Vorliegen eines Typs sehr wahrscheinlich.

Generalisierter epileptischer KrampfanfallDissoziativer Krampfanfall
Anfallsdauer meist < 1minsehr wahrscheinlich, wenn >2min
Anfallsbeginn im Schlaf
sehr selten aus präiktalem Pseudoschlaf (PIPS) heraus
Schwankender, wechselhafter Verlauf oftmals inkl. kurzer Pausen
Asynchrone Extremitätenbewegungen
bei Frontallappen-Epilepsie mgl.
Hin- und herbewegen des Kopfes
stoßende Hüftbewegungen („pelvic thrusting“)
bei Frontallappen-Epilepsie mgl.
Augen geschlossen/zusammen gekniffen
Iktales Weinen
(geringe Sensitivität)
Reaktion auf periiktale Aufforderungen/Reize
sehr selten mögl.
Lateraler Zungenbiss
apikale Zungenbisse jedoch nicht ungewöhnlich!
Antikonvulsiva wirksam
Röchelnde/schnarchende postiktale Atmung
Postiktale Verwirrung
Iktale Erinnerungen abrufbar
EEG-Auffälligkeiten
selten vereinzelte EEG-Veränderungen festzustellen, jedoch inkomparabel mit EEG eines generalisierten Krampfanfalls
Quellen s. unten

Zudem können folgende Zeichen helfen:

Arm-Drop Sign:
Ein Arm wird über das Gesicht des/der Patient:in gehalten und fallen gelassen – Durch Ausweichbewegung kommt es nicht zum Einschlag der Hand ins Gesicht?
➔ Ja: Indiz für dissoziativen Krampfanfall

Henry and Woodruff Sign:
Patient:in wird erst auf die eine dann auf die andere Seite gedreht – dabei jeweils Blickausrichtung zum und Fixation des Bodens?
➔ Ja: Indiz für dissoziativen Krampfanfall

• Falls zufällig Spiegel vorhanden – Mirror-Sign:
Patient:in wird Spiegel vorgehalten – Konvergenz-Reaktion und Fixation des Spiegelbildes?
➔ Ja: Indiz für dissoziativen Krampfanfall

Überraschende Konfrontation mit Schmerzreizen/extremen Gerüchen/Kälte/Flüssigkeiten im Auge:
Kann Reaktion provoziert werden?
➔ Ja: Indiz für dissoziativen Krampfanfall (da Schutzreflexe meist vorhanden)
Aber Achtung: diese Patient:innen erfahren während eines Anfalls bereits maximalsten psychischen Stress – Eine gewissenhafte Abwägung bzgl. der Notwendigkeit sollte dringend getroffen werden!
(ggf. auch zusätzliche Trigger-Gefahr)

Wichtig: Vor und während der Durchführung nicht in Verlegenheit geraten, den Kolleg:innen/Azubis/etc. zu erklären, was man vor hat – nicht nur das evtl. Bewusstsein auch das Unterbewusstsein der Patient:innen kann das Ergebnis verfälschen.

Folgende Beobachtungen sind keine zuverlässigen Unterscheidungshilfen:
Allmählicher Anfallsbeginn, stereotypisches Anfallsbild, rudernde/schlagende Bewegungen, Opisthotonus/Arc de cercle, unkontrollierte Blasenentleerung, erhöhte Prolaktin-Werte

Hilfreiche Akronyme & Scores

Quelle: Baker LD, Craner M, Coetzee RH. The diagnosis and management of psychogenic non-epileptic seizures in the UK Armed Forces. J R Nav Med Serv. 2014;100(1):3-9. PMID: 24881419
  • „HAnKS PARESE + Z“
    Diese kleine Eigenkreation basiert vor allem auf obiger Tabelle und soll zusätzlich noch ein paar weitere wegweisende Umstände miteinbeziehen;
    vielleicht hat ja noch jemand etwas Kapazitäten im Akronym-Archiv 😉

6. Vorgehen: DOs and DONTs

Schwierigkeiten:

  • Wie bereits erwähnt: 10-30% aller an dissoziativen Krampfanfall-Betroffenen leiden ebenfalls an epileptischen Krampfanfällen – erschwert nicht nur Diagnosefindung sondern auch Therapie
  • dissoziative Krampfanfälle können generalisierten tonisch-klonischen eplileptischen Krampfanfällen täuschend änhlich sehen
  • die Worte „psychogen“ oder auch „Pseudo-Krampfanfall“ führen oft zu unangemessener Stigmatisierung des Krankheitsbildes/von Patient:innen
  • Die notfallmedizinische Ausbildung findet diesbzgl. sehr einseitig statt; keine personelle Sensibilisierung für diese Unterart der Krampfanfälle vorhanden

Im Zweifel geht die Therapie eines epileptischen Krampfanfalles vor!

> Vor allem bei Status Epilepticus hypoxiebedingte Lebensgefahr + Gefahr sonstiger Folgeschäden
> Dabei jedoch stetes besonders einfühlsames und aufmerksames Vorgehen
> Bei Therapie-Refrakterität ggf. Arbeitsdiagnose erneut hinterfragen

DOs

  • Patient:innen vor iktalen Verletzungen schützen (Gefahrenpotential zwar geringer, jedoch ebenfalls vorhanden)
  • Situation erkennen!
    • Gesamt-Setting erfassen, bspw. Einsatzort berücksichtigen: sehr belebter Ort/Frauenhaus/Geflüchtetenunterkunft/Kinderheim/…?
    • vor allem bei „Status Epilepticus“/ ungewöhnlich langem Krampfgeschehen hellhörig werden
    • Aufmerksame und feinfühlige Anamnese bzw. Fremdanamnese
    • Komorbiditäts-Profil betrachten
    • obige Indizien beachten (Tabelle/Scores/Zeichen)
  • Ruhe in die Situation bringen
    • Anzahl der Anwesenden, Lärm, Blaulicht etc. möglichst reduzieren
    • postiktal nicht mit Entscheidungsfragen überhäufen
    • Vertrauen & Wohlwollen vermitteln
  • Bewusstsein dafür haben, dass Patient:innen möglicherweise alles mitbekommen
  • Abschirmen von möglichen Auslösern/Stress- & Angst-Quellen
    • Potentiell verursachenden Personen*
    ggf. ln Streit Involvierte*
    – ggf. Familienangehörige* (vor allem bei vorliegenden Kindheitstraumen leider nicht selten; nicht voreilig handeln, können auch beruhigen)
    – bei Patientinnen ggf. Männer*; bei deutlichem Trigger weiblich besetztes Rettungsmittel nachfordern (keine allg. Geschlechtsdiskriminierung; Zahlen spiegeln aktuell jedoch Ungleichgewicht wider)
    Unbekannte* (durch Kindheitstraumen oft zwischenmenschliche Interaktionsschwierigkeiten = Stress)
    Vorsicht mit voreiligen Unterstellungen! ggf. Vorgehen erklären
    • fremde Hunde* – bspw. von Passant:innen oder auch Polizeihunden während entsprechenden Einsatzlagen
    • Stressbehaftete Orte verlassen – Bsp.: Besuch in Amt war auslösender Stressfaktor – Grünanlage davor evtl. etwas neutraler
  • Geduldig sein.
  • Ausschau nach Hinweisen halten – Notfall-Zettel in Geldbeutel/Rucksack, Symptomtagebuch, Therapie-Hund oder auch Tattoos
  • Ausschau nach Skill-Sets halten = Equipement zur Durchbrechung einer Dissoziation (Düfte/Musik- bzw. Ton-Devices/…)
  • zur Durchbrechungsunterstützung aber auch zur Situationseinschätzung Telefonat mit Therapeut:in oder anderen Vertrauenspersonen organisieren
  • Angst vor drohendem dissoziativen Anfall nehmen/mildern
  • Einschätzungen, Ansichten und Wünsche der Patient:innen ernstnehmen und soweit als möglich berücksichtigen
  • Sonderstellung der Assistenz-Hunde beachten – können dadurch sowohl Transport als auch Krankenhausaufenthalt begleiten
  • Bei Verdacht/Anhalt deutlich Weichen stellen für weitere Behandlung und Abklärung – (zeitliche) Reduktion von Diagnose-Zeitfenster und Fehldiagnose-Raten
  • Abklärung von DD trotz allem nicht vernachlässigen:
    Blutzucker
    12-Kanal EKG (kardiogene/arryhythmogene Ursache)
    Hinweise auf Intox?
    Blutlabor/BGA (Hypokalziämie)
    CT/MRT
  • ggf. Komorbiditäten behandeln (Schlafstörungen, Depressionen, Asthma,…)
  • Bei sehr eindeutiger Abgrenzbarkeit und unter gesicherten Betreuungsumständen, kann ggf. von klinischer Abklärung abgesehen werden – erspart Patient:innen oft unnötigen Stress + (prä-) klinisch Zeit, Geld und Ressourcen
    – ggf. Abholung per Privat-PKW von gewünschter Vertrauensperson
    – auch die Patient:innen-Wohnung kann als medizinisch-indiziertes Transportziel dienen
    – Betreuuende Person/en bestensfalls schriftlich einbinden und gegenzeichnen lassen

* nicht nur aus subjektiv empfundenem Settingsradius, sondern außer Hörweite bringen!

DONTs

  • Nicht festhalten/gegen Verkrampfungen ankämpfen wollen … weil ja „nur gespielt“
  • Nicht anschreien, endlich damit aufzuhören o.Ä.
  • Nicht von Umfeld/Umstehenden im Vorgehen verunsichern und stressen lassen; Geduld bewahren und erklärend für Verständnis & Einsicht bei den am Einsatz Beteiligten sorgen (direkte Kolleg:innen, Leitstelle, Polizei, Feuerwehr,…)
  • voreiligen Einsatz von Antikonvulsiva vermeiden
    ! gilt in Akutphase nur bei hochgradigem Verdacht auf dissoziativen Krampfanfall ! im Zweifel geht antikonvulsive Therapie vor; dennoch:
    – Pat. werden dem Risiko von Nebenwirkungen ausgesetzt, bspw. Atemdepression
    – Verletzungen bei Applikation möglich
    – versetzen Patient:innen oft in noch hilflosere Lage
    – ggf. anschließende Überwachung erforderlich
    – Pat. bei Eskalation ggf. Intubationskomplikationen ausgesetzt
    – wenn häufiger: drohende Benzodiazepin-Abhängigkeit
    Dauermedikation:
    – können weitere dissoziative Krampfgeschehen provozieren
    – fördern Krankheitserwartung seitens der Patient:innen
    – setzen Lebensqualität herab
    – Verschreiben zögert oft korrekte Diagnosestellung & adäquaten Therapiebeginn heraus
    – setzen langfristiges Outcome herab
    – wenn aufgrund von Epilepsie-unabhängigen Erkrankungen verschrieben (bspw. Neuropathische Schmerzen), Risiko der Anfall-Fehlinterpretation aufgrund des Medikamentenplanes erhöht
    ➔ ggf. Reevaluation des Therapieansatzes anhand des DDESVSFS-Scores

In jedem Fall ist Fingerspitzengefühl und oft ein verstärktes „Thinking Outside The Box“ gefragt – umso schöner ist es jedoch auch, in genau solchen Einsätzen, die Lage zu erkennen, das Schema F links liegen zu lassen, durch individuelles Handeln eine patient:innen- und situationsorientierte Lösung zu finden und damit direkt vor Ort ein Schicksal bedeutend unterstützen zu können.

——— Sonstiges Material ———


Teilt natürlich gerne wieder eure abschließenden Gedanken in der Telegram-Gruppe!
Wie siehst du das Vorgehen des Teams? Hättest du dich vor allem bzgl. des Transportes gleichermaßen entschieden?


Du bist noch nicht in der Telegram-Gruppe?
Dann trete gerne bei und erlebe den nächsten Austausch live mit!

Hier findet ihr das Übersichtsdokument, welches während der Fall-Diskussion interaktiv von allen Beteiligten zusammenfassend geführt wurde.

Großer Dank gilt natürlich wieder allen Teilnehmenden
und dem/der Falleinreichenden, durch welche/n das Krankheitsbild erst seinen wohl verdienten Auftritt erhalten hat!

Wenn du auch noch einen NERDfall auf Lager haben solltest, den du sehr eindrücklich fandest oder bei dem dich interessiert, wie andere Nerds in deiner Situation gehandelt hätten, reiche ihn uns gerne ein!
Hier findest du die digitalen Formulare für präklinische oder innerklinische Erlebnisse. Wir sind gespannt!

Quellen:

Hubsch C et al: Clinical classification of psychogenic non-epileptic seizures based on video-EEG analysis and automatic clustering. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2011 Sep;82(9):955-60. doi: 10.1136/jnnp.2010.235424. Epub 2011 May 10. PMID: 21561887.

Popkirov S, Reuber M. et al: The aetiology of psychogenic non-epileptic seizures: risk factors and comorbidities. Epileptic Disord. 2019 Dec 1;21(6):529-547. doi: 10.1684/epd.2019.1107. PMID: 31843732.

Avbersek A, Sisodiya S. Does the primary literature provide support for clinical signs used to distinguish psychogenic nonepileptic seizures from epileptic seizures? J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2010 Jul;81(7):719-25. doi: 10.1136/jnnp.2009.197996. PMID: 20581136.

Brigo F et al: Tongue biting in epileptic seizures and psychogenic events: an evidence-based perspective. Epilepsy Behav. 2012 Oct;25(2):251-5. doi: 10.1016/j.yebeh.2012.06.020. Epub 2012 Oct 2. PMID: 23041172.

Reuber M, Rawlings GH. Nonepileptic seizures – subjective phenomena. Handb Clin Neurol. 2016;139:283-296. doi: 10.1016/B978-0-12-801772-2.00025-4. PMID: 27719848.

Popkirov S, Grönheit W, Wellmer J. A systematic review of suggestive seizure induction for the diagnosis of psychogenic nonepileptic seizures. Seizure. 2015 Sep;31:124-32. doi: 10.1016/j.seizure.2015.07.016. Epub 2015 Jul 30. PMID: 26362389.

Abubakr A, Wambacq I. Diagnostic value of serum prolactin levels in PNES in the epilepsy monitoring unit. Neurol Clin Pract. 2016;6(2):116-119. doi:10.1212/CPJ.0000000000000232

Sen A, Scott C, Sisodiya SM. Stertorous breathing is a reliably identified sign that helps in the differentiation of epileptic from psychogenic non-epileptic convulsions: an audit. Epilepsy Res. 2007 Oct;77(1):62-4. doi: 10.1016/j.eplepsyres.2007.07.009. Epub 2007 Sep 4. PMID: 17766088.

+ Artikel/Paper/etc. im Beitragsverlauf

Es bestehen keine Interessenkonflikte.

9 Kommentare zu „NERDfall Nr. 15 – Teil 2: Dissoziative Krampfanfälle – gar nicht so selten und häufig fehlinterpretiert“

  1. @ Karsten

    In einem ehemaligen RD-Bereich von mir gab es zwei solcher Patienten. Die Herausforderung ist das „richtige“ Mittel zu finden. Die eine Patientin hat unzählige Narkosen „erfahren“ bis, wie bei euch, die Idee auf Ammoniak kam.
    Der andere reagierte simpel auf laute klare Ansprache mit seinem Vornamen….

    Die Erkenntnisse habe sich allerdings erst nach z.T. Wochen ergeben. Durch ständig wechselnde RD-Besatzungen werden solche Patienten erst mit Verzögerung als „Dauerpatienten“ identifiziert. Und dann ist die aufkommende Betriebsblindheit bei manchen Kollegen (m,w), ähnlich wie bei den bekannten „Päckchen“, gleich die nächste Hürde.

    Grüße

  2. Hallo zusammen,
    anbei ein Tipp. In meinem RD-Bereich gibt es ebenfalls eine Patientin mit o.g. Symptomatik mit häufigen Einsätzen. Mittlerweile hat sie ebenfalls einen Assistenzhund. Die Patientin lebt in einer Wohngruppe. Aus diversen Einsätzen mit Patienten des gleichen Krankheitsbildes hat sich die Anwendung einer Amoniaklavendel Richampulle zur Durchbrechung des dissoziativen Krampfanfalls als hilfreich erwiesen. Diese werden zum Teil durch die Patienten selbst mitgeführt um sie eventuell noch selbst anwenden zu können. Bei uns gehören sie zur Standardbeladung auf dem RTW und NEF.

    1. Hey Karsten, vielen Dank für die Ergänzung!
      Alleine toll, dass durch das bloße Vorhandensein auf den Rettungsmitteln generell ein sehr viel größeres Bewusstsein für das Krankheitsbild im Landkreis herrschen wird – cool!

  3. Liebe Wiebke, tausend Dank für den toll recherchierten Artikel!!!! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie gut er mir gefallen hat!!! GLG von Katharina

    1. Wow, ich habe noch nie eine so super recherchierten und wertschätzenden Beitrag über mein Krankheitsbild gelesen, schon gar nicht von medizinischen Personal. Vielen vielen Dank dafür! Ich leide selbst an dissoziativen Krampfanfällen und es ist wirklich eine furchtbare Erkrankung, die sich niemand ausgesucht hat. Vielen vielen Dank für diesen Beitrag!!!

      1. Das ist wirklich nochmal ein ganz besonderes, wertvolles Feedback – vielen Dank, freut mich unheimlich!

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