NERDfall Nr. 17 – Teil 1: Die multiplen Messerstiche

Nach unserer Corona-Unterbrechung nehmen nun auch endlich die Nerdfälle wieder Fahrt auf!
Wir hoffen, dass die Pause nicht zu viele Mitdiskutant:innen abgeschüttelt hat, denn da es gleich wieder voll zur Sache geht, ist jeder Vorschlag Gold wert.
Aber lest selbst, los geht’s!

An einem bitterkalten Februarmorgen schallt der Wachalarm durch die Räume einer Großstadtwache: „Dringender Einsatz für den 1/82-4 und 1/83-12; Suizid/Suizidversuch; Fandlingen-West“

Die Besatzungen machen sich schnellen Schrittes auf zu ihren Fahrzeugen. Die beiden Fahrer stimmen sich bzgl. des Anfahrtsweges in die ruhigere Vorstadt-Wohngegend ab. Auf den Displays erscheint der Hinweis: „Schnittverletzungen Bauch; in der Scheune, Einweiser vor Ort“. Da sich der Notarzt nach einer turbulenten Samstagnacht, hingelegt hatte, rückt der RTW mit etwas Vorsprung aus.
Die Leitstelle gibt durch, dass der Patient wohl schon eine Weile liegen würde, aktuell jedoch noch ansprechbar sei.

Sollten dich die genannten Themen triggern können, überlege dir bitte genau, ob du weiterlesen möchtest.
Wenn du bereits das Gefühl haben solltest, Hilfe zu benötigen, zögere bitte nicht unter der bundeseinheitlichen 0800-1110111 die Telefonseelsorge zu kontaktieren oder dich auf dieser Seite über weitere Hilfsangebote zu informieren.

Nach 7min rasanter Fahrt durch die Dunkelheit trifft der RTW an einem offensichtlich ehemals bäuerlich genutzten, saniertem Gebäudekomplex ein. Neben Atmungs- und Kreislaufrucksack, dem EKG und der Absaugpumpe werden noch dicke Saugkompressen aus den Schränken gerissen und direkt mit vor Ort genommen. Die beiden Kolleg:innen werden von einem recht gefasst wirkenden, aber hochkonzentrierten Anfang 30 Jährigen über einen kleinen Hof um das Gebäude geführt. Sein Vater habe sich vor ca. 40min mit einem Messer umbringen wollen. Schnitte hätte er nicht nur abdominell sondern auch halsseitig. Depressionen seien bekannt. Die Tatwaffe -ein ca. 20cm langes, sehr scharfes Küchenmesser- sei inzwischen vom Einsatzort entfernt. Peripher habe er keinen Puls mehr tasten können, sein Vater hätte jedoch, wenn auch wirr, gerade noch mit ihm gesprochen. Auf Nachfrage gibt er an, selbst Krankenpfleger zu sein.

Die Drei erreichen die Scheune: Hinter einer großen, ca. 3m hohen Flügeltür erstreckt sich ein großzügiger Raum (ca. 60m²) – er ist größtenteils mit Alltags-Gerümpel zugestellt; im Hintergrund scheint sich ein PKW unter einer Plane zu befinden. Blanke Neonröhren spenden kühles, z.T. Schatten werfendes Licht.
Inmitten bietet sich ein blutiges Szenario: Der ca. 60 jährige aschgraue Patient liegt rücklinks, diagonal mittig auf dem groben Betonboden.
Abgesehen von der Fußseite (Tür abgewandt) ist er von allen Seiten problemlos zugänglich. Um seinen Oberkörper hat sich eine Blutlache von ca. 1,5m Durchmesser gebildet. Das Blut scheint zum Teil bereits geronnen. Die weit aufgerissenen Augen blicken leer zur Decke. Aus dem ebenfalls weit geöffnetem Mund entweichen durchdringende Stöhnlaute. Auf das zügige Herantreten des Teams erfolgt keinerlei Reaktion.

Die Notfallsanitäterin tritt an den nun fahrig ins Leere greifenden Patienten heran. Sein graues T-Shirt samt Jeanshemd sind Blut durchtränkt. Auf den ersten Blick sind multiple Einstichstellen an Abdomen und Thorax zu erkennen. In ihnen steht Blut. Der Einschnitt am Hals rechts scheint recht oberflächlich; der Kehlkopf liegt frei, scheint jedoch samt Luftröhre intakt. Eine massive Blutung ist dort nicht auszumachen. Er windet sich unruhig zu beiden Seiten und bringt hervor, dass es bereits um 6 Uhr passiert sei. Zwischen unverständlichem Gemurmel und Gestöhne gibt er zu verstehen, dass er in Ruhe gelassen werden will. Er wolle endlich sterben. Die NFS nimmt die vom RS gereichte Kleiderschere entgegen und delegiert, die Trage zu holen. Er stolpert beinahe in das um die Ecke kommende NEF-Team. Die Hinzugekommenen versuchen sich zu orientieren. Ein schwacher Carotis-Puls mit einer geschätzten Frequenz von 100 bpm wird kommuniziert. Der Notarzt wirkt etwas perplex. Während die Notfallsanitäterin das kalte, nasse T-Shirt aufschneidet und den NEF Fahrer um i.o.-Bohrer, Tranexamsäure, Videolaryngoskop und eine Schockraumvoranmeldung bittet, versucht der Notarzt am eiskalten Handgelenk erfolglos den Radialis-Puls zu ertasten. Anschließend sammelt er sich hastig die Materialien für einen venösen Zugang aus dem Koffer. Auf dem blanken, blassen Thorax imponieren nun 6 abdominelle und 2 thorakale Stiche mit einer Länge von  3-5cm (s. Abb.); aus ihnen rinnen vereinzelt, vor allem bei  Bewegung, wenige Milliliter Blut. Die sonstige STU erbringt keine weiteren pathologischen Auffälligkeiten (Hose bleibt dabei geschlossen; keine BWS-/LWS-Beurteilung).
Bei verminderter Atemexkursion können beidseits vesikuläre Atemgeräusche auskultiert werden. Die Atemfrequenz wird mit ca. 20 Zügen/min verbalisiert, wobei in unregelmäßigen Abständen ein verstärktes Nach-Luft-Schnappen und Stöhnen zu vernehmen ist; Rekap-Zeit 5-6 Sekunden.
Im Hintergrund hört man den Rettungssanitäter samt Trage heran eilen.

Und auch hier erneut der Hinweis: solltest du das Gefühl haben, nun Hilfe zu benötigen, zögere bitte nicht diese Nummer (0800-1110111) der Telefonseelsorge zu wählen oder dich auf dieser Seite über weitere Hilfsangebote zu informieren.

Zusatzinfo 25.02.2022:
Der NEF-Fahrer kommuniziert, dass laut der Leitstelle die Polizei jeden Moment eintreffen müsste und er gemeinsam mit dem Sohn das Messer asserviert habe. Langsam scheint auch die konzentrierte, professionelle Fassade des bisher medizinisch Versiertesten – des Sohnes- zu bröckeln und er wird zum stillen, abrufbereiten Beistehenden.
Der NA hat inzwischen einen 18G Zugang in die rechte Ellenbeuge etabliert und macht sich an das Aufziehen von Midazolam.
Die NFS des RTW verabreicht dem Pat. 10l O2 über eine Maske, der NEF Fahrer telefoniert mit dem Schockraum und der RS bugsiert die Trage neben den Patienten. Es werden 2mg Midazolam und die ersten 100mg der vorbereiteten Tranexamsäure appliziert und per Infusion mit Druck nachgespült. Sonst liegt der Infusionsbeutel daneben.
Alle packen mit an und hieven den kalten Körper auf die abgelassene Trage. Beim Zudecken mit einer Einmaldecke wird die eingetretene Bewusstlosigkeit des Mannes kommuniziert (nicht erweckbar auf laute Ansprache und Schütteln). Carotispuls fadenförmig, weiterhin bei einer Frequenz von ca. 100 bpm.

Zusatzinfo 26.02.2022:
Die Polizei trifft ein, der NEF-Fahrer schildert die Lage und übergibt das Messer. Anschließend wenden sich die beiden Beamten an den Sohn.
Da das Atemmuster suffizient scheint, entscheidet man sich für einen schnellen Szenenwechsel ins Fahrzeug: Heizung, Infusion und Sauerstoff werden aufgedreht und das Intubations-Equipment vorbereitet. Die Infusion läuft nahezu fließend durch die Tropfkammer. Der Notarzt fordert einen 2. Zugang, sonst reiße man ihm im Schockraum den Kopf ab. Außerdem sollen SpO2 und 4-Kanal EKG angelegt werden. Während sich der Arzt ans Zugang legen macht, alarmiert der NEF-Fahrer -auf Vorschlag des RS- das KIT für den Sohn. Es wird ein weiterhin vesikuläres Atemgeräusch bds. kommuniziert, das Monitoring angelegt, die Wunden mit einem großen, sterilen Verbandtuch bedeckt und der Pat. angeschnallt und zugedeckt. Der SpO2-Sensor kann an den Fingern keinen Wert generieren; AF jetzt ca. 24 Züge/min, Atemexkursion weiterhin vermindert, Suffizienz fragl., inzwischen kein unregelmäßiges verstärktes nach Luft-Schnappen & Stöhnen mehr; EKG: Sinusrhythmus, HF 98; die NIPD-Manschette setzt zur zweiten Messung an; die Carotispulse lassen sich nur unsicher tasten, Pupillen isokor, mittelweit bis weit, Lichtreaktion bds. moderat verlangsamt, BZ 126mg/dl, KT 32,1°C. Da sich das Legen des zweiten Zugangs als sehr schwierig gestaltet, sind inzwischen schon einige Minuten vergangen. Das restliche Team wird langsam unruhig und möchte fahren.

Zusatzinfo 27.02.2022:
Der NA entscheidet sich schlussendlich gegen den 2. Zugang und eine Intubation. Der Patient reagiert inzwischen wieder mit Stöhnen auf seinen laut ausgesprochenen Vornamen. NA und NFS klemmen sich ins Fahrzeug und der RS gibt Gas. Die NFS eröffnet währenddessen mit der Kleiderschere die Hose; es treten keine weiteren augenscheinlichen Verletzungen zu Tage. Sie versucht bestärkend aber ruhig auf ihn einzureden und ermutigt ihn „wach zu bleiben“. Das TXA wird unregelmäßig in 1-2ml Schritten bis zu einer Gesamtdosis von 1g gespritzt und eine zweite 500ml Vollelektrolyt-Lösung angehängt.
Wie hättest du die Transportzeit genutzt?


Wie würdest du nun vorgehen?
Was wäre dir wichtig und was wäre für dich eher zweitrangig? Warum?
Äußert natürlich wie immer auch alle anderen Überlegungen zum Fall.


Hier geht’s wie immer auch nochmal direkt zum inspirierenden Austausch in unserer Telegram-Gruppe:

Du hast das Gefühl sich im Austausch nur als Notärzt:in beteiligen zu können? Ganz bestimmt nicht!
Du bist als RS/Azubi/… in solchen Situationen ebenfalls vollwertiges Mitglied des Teams – kommuniziere also gerne auch offen deine Gedanken 😉

>Hier< geht’s inzwischen zu Teil 2!

Ein Gedanke zu „NERDfall Nr. 17 – Teil 1: Die multiplen Messerstiche“

  1. Das ist ein Einsatz wie man ihn sich nicht wünscht. Dennoch kann es jeden von uns treffen.
    Nach dem ich alles dazu gelesen habe, würde ich denken, bei 9min bis zum Maximalversorger hätte man sich nach dem der erste Zugang etabliert war, lösen müssen und nach dem Prinzip „load and Go“ den Patienten in den Schockraum des Maximalversorgers gebracht. Die Chancen stehen schlecht und werden mit jeder Minute schlechter. Ich verstehe den jungen Kollegen zwar, aber ich denke die Entscheidung zur Abfahrt hätte sehr früh getroffen werden müssen.
    Klar ist es in meiner Position das leichter zu sagen, vielleicht hätte ich auch so lange gebraucht.

    Ein ähnlichen Fall hatte ich auch schon. Kein Suizid, aber ein Arbeitsunfall mit einem Radlader der über einen Oberschenkel gefahren war. Falls ich mehr dazu schreiben soll, sagt mir gerne Bescheid.

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