Einsatzmanagement im Notarztdienst: Lifehacks für den Einsatz!

Neben der ganzen Medizin gibt es einen Faktor, der einen guten Einsatz zu einem tollen Einsatz werden lässt – ein richtig gutes Management.

Wir haben versucht unsere Erfahrungen aus den Einsätzen der vergangenen Jahre mal zu bündeln und haben dabei auch Tipps und Tricks der PinUps und von Rettungsdienst FM aufgenommen.

Wo bin ich, wer bist du und was tun wir hier eigentlich?

Bei jedem Dienstantritt lohnt sich ein kurzer Rundgang auf der Wache – kennt man alle Anwesenden (im Zweifel nochmal kurz vorstellen)?

Ein kurzer Wortwechsel mit dem/der Fahrer:in des NEF sollte einige wichtige Punkte umfassen:

  • Wie steht es um das allgemeine Befinden? (muss Rücksicht auf Rückenschmerzen, Pollenallergie etc. genommen werden; sind alle ausgeschlafen?)
  • Gibt es Neuigkeiten im Einsatzgebiet? (Veranstaltungen, Baustellen, Unwetterwarnung etc.)
  • Welche Kliniken können angefahren werden?
  • Gibt es Themen, die man nochmal kurz ab-/durchsprechen sollte? (Wir versuchen „Angstthemen“ wie Kinder-CPR, MANV oder Trauma-Reanimation immer mal wieder kurz durchzugehen)

Fahrzeugcheck:

Ein Fahrzeugcheck steht auch uns Notärzt:innen gut zu Gesicht, hier kann man sich mit der/dem Fahrer:in über neue/selten genutzte Medikamente und Materialien austauschen, nochmal selten genutzte Geräte ausprobieren und das Fahrzeug besser kennenlernen.

Einsatz:

Der Melder geht – schnell zum Auto und losfahren. Die Kilometerstände und das Fahrtenbuch (welches vor Weiterfahrt zum Folgeeinsatz schnell noch ausgefüllt wird) hat übrigens medizinisch wenig Relevanz… 😉

Anfahrt nutzen:

Insbesondere bei Einsatzstichworten, die einen aufwändigen Einsatz versprechen sollte kurz im Team das allgemeine Vorgehen abgestimmt werden:

  • Was muss insbesondere beachtet werden? (Eigenschutz, Wärmeerhalt, Sondermaterial)
  • Kurze Einsatzstrategie (Welche Medikamente bei Intubation, wann RTH bestellen, was soll vorbereitet werden bei Geburt etc.)
  • Kurz Rollen abstimmen
  • Bei Kindernotfällen Gewicht abschätzen und Dosierungen für potenziell notwendige Medikamente schonmal besprechen (ist einfach eine tolle Übung)

Am Einsatzort:

Kurzer Rundumblick:

  • Gibt es Gefahren?
  • Muss eine Rückmeldung auf Sicht an die ILS erfolgen?
  • Raumordnung für weitere Kräfte ok?

Auf dem Weg zum/zur Patient:in: Wie komme ich hier wieder raus??? (Gibt es einen Fahrstuhl, kann man mit dem Raupenstuhl die Treppe runter, könnte die Feuerwehr mit der Leiter helfen etc.)

Bei der/dem Patient:in:

Erste Einschätzung:

  • Akute Lebensgefahr erkennbar – dann laut an das Team kommunizieren und loslegen 😉
  • Ansonsten lohnt sich trotz Notfalleinsatz eine kurze Vorstellung und Erläuterung was jetzt passiert. (z.B.: „Guten Tag, ich bin der Notarzt und mit mir ist ein Team vom Rettungsdienst hier um Ihnen zu helfen. Während ich Ihnen gleich ein paar Fragen Stelle, werden die Kolleg:innen schonmal Kabel an Ihnen befestigen und ein paar Werte messen!“) – Bis auf Reanimationen oder Periarrest/Koma ist Variante 2 (Vorstellung und kurze Erklärung) meistens möglich

Erneut lohnt sich nach initialer Stabilisierung bzw. Vorstellung ein kurzer Rundumblick (Versorgungssituation, medizinische Geräte wie Sauerstoff, Heimbeatmung etc.) – wenn genug Ressourcen vorhanden sind, kann das auch super delegiert werden.

Interventionen/Therapie:

Grundsätzlich lohnt sich im Rettungsdienst der Blick auf das Wesentliche – unnötige Therapieversuche und Interventionen können immer mit ungeplanten Komplikationen einhergehen.

Wo therapiere ich?

  • Muss die Intubation/NIV bzw. die Blutdruckmedikation etc. jetzt erfolgen, oder gelingt eine schnelle Rettung und Therapie im vorbereiteten RTW?
  • Kennt jeder seine Rolle? (IMMER 10for10, klare Rollen und Verantwortlichkeiten verteilen)

Behalte das Ziel im Blick!

  • Frühzeitig Transport vorbereiten lassen!
  • Transportziel abklären und vorinformieren!
  • Vor der Abfahrt bei relevant Erkrankten immer Telefonat mit aufnehmender Klinik!

Was nehme ich mit?

Wenn die Zeit bleibt, ist jede Notaufnahme über Vorbefunde/-Briefe sowie ggf. eine Telefonnummer von Angehörigen dankbar. Auch Hörgeräte und Sehhilfen sowie ein Handy und vllt. ein paar Euro für das Taxi nach Hause sowie Schuhe sollten immer mitgenommen werden – wenn möglich.

Schatz, wie war ich?

Nach aufregenden, anstrengenden oder schwierigen Einsätzen immer nachbesprechen!

Insbesondere bei Einsätzen, die nicht gut liefen oder unklar waren in der aufnehmenden Klinik nachfragen. „Schlimmer als jemand, der sich irrt ist jemand der sich irrt ohne es zu bemerken!“.

Das größte Problem am Notarzt-/Rettungsdienst ist der fehlende Blick auf den weiteren Verlauf. Wir können nur dann lernen, wenn wir Fehler oder Optimierungspotential auch erkennen – hier wären Klinikkooperationen natürlich toll.

Was sind eure Tipps und Tricks? Wir sind total gespannt und haben hier nur ein paar der aus unserer Sicht wichtigsten Faktoren für einen guten Einsatz aufgelistet! Also gerne Kommentare! 🙂

Autor: Philipp Gotthardt

Ich bin begeisterter Notfallmediziner aus Nürnberg. Ich arbeite in der Notaufnahme, Intensivstation und als Notarzt sowie ärztlicher Dozent und versuche mich mit Nerdfallmedizin an der FOAMed Welt zu beteiligen.

8 Gedanken zu „Einsatzmanagement im Notarztdienst: Lifehacks für den Einsatz!“

  1. Hallo Nerdfaller! Eine tolle, prägnante Zusammenfassung! Würde ich gerne bei unseren notärztlichen Kursen auslegen (80h, Refresher und Sim25), wenn Ihr erlaubt! Auf unserer Empfehlungsliste an interessanten Seiten steht Ihr eh drauf! 🙂
    Mir gefallen gerade auch die taktischen und die CRM-Hinweise und die Patientenkommunikation (was passiert von wem)! Und die Vorschläge der anderen Kommentierenden sind auch prima!

    Eine Anmerkung und einen Ergänzungsvorschlag:
    Während der Anfahrt könnte Fahrer/Fahrerin so auf den Verkehr und auf das Fahren konzentriert sein, dass eine Abstimmung („Anfahrt nutzen“) nicht oder nur wenig stattfinden könnte. Ansonsten top Idee!
    Ergänzen würde ich einen Hinweis aufs persönliche Equipment: Stirnlampe auch für Tagschichten (Keller, Grube, Röhre, unter Verkehrsmittel) und eine Pupillenleuchte mit LED, die für Pupillen zugelassen ist (die meisten, auch die der Mobiltelefone sind streng genommen ungeeignet/gefährlich).

    Herzlichen Gruß aus München
    Richard

    1. Hallo Richard,
      vielen Dank und auch super Ergänzung. Hast du eine spezielle Pupillenleuchte die du empfiehlst? Vom Gefühl gehen alle „echten“ Pupillenleuchten so schnell kaputt, gerade wenn sie in der Hosentasche herumfliegen…

      Gerne kannst du unsere Tipps / Zusammenfassung auslegen. 🙂
      Unsere Bedingungen sind dabei nur: 1.) Quellenverweis und 2.) Nicht-Kommerzielle Nutzung (d.h. kein Skript/Buch verkaufen, wo das inkludiert ist).

      1. Danke, Auslegen/Weiterempfehlen machen wir gerne – unkommerziell natürlich und mit Quellenverweis!
        Wg. Pupillenleuchte: Bei der Kimetec GmbH gibt es eine „CBC Penlight LED“ für 15 Euro; die ist aus bruchfestem Alu und hat einen Knopf am hinteren Ende zum Ein-/Ausschalten (wie immer Problem, wenn in Hosentasche und nicht in Brusttasche; es wird ein Einschaltschutz mitgeliefert); Made in Germany; bin sehr zufrieden, weil stabil und mit gutem Gewissen fürs Auge nutzbar; haben wir auch bei meinem Rettungsdienst. Gruß Richard

  2. Super wichtige tolle Hacks! Ihr seid klasse! Bravo!!
    Genial, das alles kommt meistens wirklich selten zur Sprache und ist doch sooo wichtig.
    Ich hoffe, es kommen noch ganz viele weitere Hacks von alten Hasen rein!!
    Da Ihr gefragt habt, hier kommen, obwohl ich kein „Silberrücken“ bin, meine eigenen „Hacks“, wahrscheinlich trivial, aber trotzdem.

    Zum einen: Ich habe mein eigenes „schlaues Büchlein“ geschrieben/gebastelt.
    Generell sagt man ja: Mut zur Checkliste! Ich finde es so beruhigend, zu wissen, es steht irgendwo ( selbst wenn man es dann doch meist auch so kann 😉

    Im Prinzip habe ich nach Fachgebieten geordnet zu jedem Stichwort damals aus dem Notfallkurs eine kleine Notiz mit vielleicht 5 Stichworten gemacht (sei es Nabelschnurvorfall mit einer Zeichnung der Lagerung – oder Clusterkopf-SZ mit O2 und Triptan ), aber das ist wohl Maximalvariante, es soll nur so ausführlich sein, dass man weiß, wo was steht.
    Das ganze wird immer wieder aktualisiert, und ggf. ergänzt (zB nach Euren tollen Beiträgen oder auf CME-Artikel hin – zB mit Miniausdruck Eurer „gefährlichen EKGs“ verschönert) usw. und auch mit nicht intuitiven DDs bzw Querverweisen versehen (zB GI-Infekt DD Addisonkrise, Sepsis DD thyreotox Krise, Sepsis DD malign neurolept Syndrom, C1-Angioödem nebst Therapie DD Anaphylaxie)

    außerdem darf mir nicht fehlen:
    – die Bestückslisten von NEF und RTW, die lokale Medikamentenliste (inkl Kürzeln zu Verträglichkeit dieser Medis in 1/2./3.Trimenon und Stillzeit), das lokale MANV-Konzept
    – Die wichtigsten Intox plus Antidote.
    – Die Kindernotfalldosierungen inkl mein eigenes vereinfachtes Auswendig-Schema
    – ein EKG-Lineal

    In den Ruhephasen lege ich mir alles immer in fester Ordnung hin, dass „ein Griff“ (und Null Hirnzellen) reichen vorm Losgehen.
    Und um mit dem Maximum an derzeit verfügbaren „grünen Kügelchen“ auch in den letzten Einsatz der Schicht zu starten hilft mir immer nicht zu wenig zu trinken, auch häufig „präventiv“ aufs Klo zu gehen und – da ich das Gefühl habe, dass das normale Hunger-Satt-Empfinden im Rettungsdienst oft durch das Adrenalin ausgehebelt wird – reichlich, aber ausschließlich Ballaststoffreiches zum Essen da zu haben.

    Und, habt Ihr das nicht auch einmal erwähnt? bzw auf Doccheck war mal ein Artikel dazu – ich finde Mentalisieren total gut. Bzw. mit Euren Fällen liefert Ihr doch die Steilvorlagen dazu 🙂
    Sich ruhig mit geschlossenen Augen hinzulegen/zu setzen und sich ganz plastisch vorzustellen (bis ins Detail des Braunülenpflasters auf schwitzigem Arm), was täten wir jetzt bei zB polytraumatisierter 34-jähriger Hochschwangerer, verbrühtem 4-jährigem braunhaarigen Jungen, MANV mit Sprinter, Kleinwagen und LKW in der Dämmerung- die aktuellen Teammitglieder, das aktuelle Material, wie aufstellen, was wann nehmen, wen wohin schicken. So ganz low budged Simu Training 🙂

    Jedenfalls nochmals an dieser Stelle tausend Dank für Eure unermüdliche, unheimlich lehrreiche, unglaublich wertvolle fantastische Arbeit!!!!!

  3. Bei „Wie war ich, Schatz?“ hatte ich eigentlich das Debriefing im Team erwartet. Also Einsatznachbesprechung mit allem am Einsatz beteiligten, das hab ich in eurer Zusammenfassung noch vermisst. Ansonsten kann ich nur voll zustimmen!

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