NERDfall Nr. 24 – Teil 1: Die Tropische Partynacht

Und es geht in die nächste Runde!
Die vorliegenden Temperaturen der Fallszenerie lassen bei uns allen wahrscheinlich Erinnerungen des diesjährigen Sommers hochkommen. Doch war auch so ein Einsatz dabei?

Es ist Hochsommer. Nicht einmal die Nacht verschafft der Großstadt die ersehnte Abkühlung. Um ca. 3 Uhr fordert eine Streife einen RTW nach – Einsatzstichwort: Drogenintoxikation.

Auf der Anfahrt ohne Sonderrechte kann überall das lebhafte Treiben des partyfreudigen Volkes beobachtet werden. Im Hintergrund ist das angestrengte Brausen der Bord-Klimaanlage und reger Funkverkehr zu vernehmen. 
Ziel ist ein zentraler, von Laternen und alten Kastanien gesäumter, Innenstadt Marktplatz. Von ihm gehen nicht nur Straßen und Füßgängerzonen zu moderat erleuchteten Schaufenstern ab, sondern auch diverseste Kneipen und Diskos aller Musikgenres sind in wenigen Gehminuten zu erreichen.

Beim Heranfahren an die Einsatzstelle scheinen zwei Polizist:innen einen unruhig umher wandelnden jungen Mann (kräftig, ca. 1,80m), möglichst unaufgeregt mit einem gewissen Abstand zu „hüten“ und verbal zu besänftigen.
Den offensichtlichen Patienten weiter beobachtend, berichten die Beamt:innen, dass er ihnen zufällig beim Vorbeifahren durch sein ungerichtetes Verhalten aufgefallen sei. Er sei so „druff“, dass sich nicht mal mehr ein anständiges Gespräch führen ließe und Geldbeutel oder Ähnliches habe er beim wilden Feiern wohl auch verloren. Auch über sein Tattoo, einen schlichten Pfeil an der linken Unterarm-Innenseite, konnten sie keine stimmige Identität ermitteln.

Auf die Nähe wirkt er wie Mitte/Ende Zwanzig. Die Augen sind aufgerissen, die Pupillen weit und der unruhige Blick schnellt unruhig in alle Himmelsrichtungen; vereinzelt bleibt er für 2-3s an seinen Beobachter:innen hängen. Etwas Ängstliches liegt in seiner Mimik, wobei er z.T. Grimassen zu ziehen scheint. Schweißperlen stehen ihm auf der rosigen Stirn und auch sein weißes T-Shirt klebt an ihm. Die Atemfrequenz liegt bei ca. 18 Zügen/min.
Sein unsicherer Stand stellt eine Mischung aus Wanken und Tippeln dar. Die Schultern sind etwas vorn übergebeugt und die Arme schlenkern, wobei er vereinzelt seine Hände zu Fäusten ballt. Er wirkt jedoch alles andere als bedrohlich, eher schreckhaft.
Gesprächsversuche provozieren ein undeutliches Gestammel; vereinzelt sind wirre Satzfetzen zu vernehmen. Aufforderungen befolgt er mit Hilfestellungen nach einem bis mehreren Anläufen.
Der ca. 40-jährige Polizist wollte ihn eigentlich gleich in Schutzgewahrsam nehmen bis er wieder einigermaßen klar kommt, seiner jüngeren Kollegin sei dafür jedoch eine rettungsdienstliche Einschätzung wichtig gewesen.

Da klingelt, das RTW-Handy und der Leitstellendisponent fragt, ob’s denn bei einer Übergabe an die Polizei bleibt und das Team in eine nahegelegene Parkanlage fahren könnte. Da läge wohl jemand im Gestrüpp.

Wir befinden uns in einem der COVID-Pandemie-Sommer.

Zusatzinfo 1 – 23.09.2022:
Das Team entscheidet gemeinsam, erst einmal beim Patienten zu bleiben und zumindest den BZ zu messen. Der Disponent versteht und schickt ein HLF als First Responder in den 300m entfernten Park.
Der Patient erhält einen Mund-Nasen-Schutz und wird ins Fahrzeug geführt, wo man sich durch den geschützten Raum ein bisschen Beruhigung erhofft. Der BZ liegt bei 135mg/dl, doch beim obligatorischen Puls tasten fällt eine Frequenz von 145bpm auf. Nun tremorartige Handbewegungen führen zu einem verwackelten 4-Kanal EKG, es zeigt sich jedoch ein ebenso schneller Sinusrhythmus mit vereinzelten supraventrikulären Extrasystolen. RR syst. 145mmHg, Rekap <2s. Pupillen isokor weit und prompt lichtreagibel. Pandemiebedingt wird für’s Protokoll noch eine Körpertemperatur ermittelt: 38,2°C.

Zusatzinfo 2 – 24.09.2022:
Die Anamnese verläuft weiter im Nichts und da der letzte Substanzkontakt somit unbekannt und eine weitere Symptomeskalation nicht auszuschließen ist, meldet sich das Team auf einer IMC mit einem Amphetamin-Intoxikierten an. Er ist aufgrund seines unruhigen, nesteligen Verhaltens nicht auf die Trage zu bekommen und auch sonst lässt dieser Zustand das Legen eines iv.-Zugangs nicht zu.
Das Anschnallen auf dem Stuhl gestaltet sich schwierig, kann jedoch schlussendlich vollbracht werden. Ein in den Nacken gelegtes Kühlpack wird immer wieder abgeschüttelt. Aggressiv ist der Patient zu keiner Zeit. Aufgrund der aktuellen Klinikauslastung beträgt die Fahrzeit in den Zentralversorger ohne Sonderrechte ca. 20min.

Zusatzinfo 3 – 25.09.2022:
Der Transport erfordert zwar viel Geduld und beruhigendes Zureden, verläuft sonst jedoch ohne weitere Vorkommnisse.
In der Klinik erhält der Patient nach etwas Midazolam über den Nasenzerstäuber einen Zugang und bei weiter steigender Temperatur (39,4°C) eine gekühlte Vollelektrolytlösung. Später steht der Assistenzarzt vor diesem Blutbild:


Wie würdest du nun handeln?


Was meinst du?
Wie würdest du weiter vorgehen?
Äußert natürlich gerne auch alle weiteren Überlegungen zum Fall!


Hier geht’s zum kollegialen Austausch in unserer Telegram-Gruppe:

Inzwischen geht es hier zu Teil 2 samt etwas Hintergrundinfo zur Materie.

5 Kommentare zu „NERDfall Nr. 24 – Teil 1: Die Tropische Partynacht“

  1. Erinnert mich an einige Einsätze hier in einer Schweizer Grossstadt. GHB schimpft sich das Zeug, liquid Extasy ist wohl den meisten geläufiger. Macht unglaublich schweissig, die Betroffenen wirken völlig abwesend mit sehr schwankenden Gemütszuständen, gewalttätig habe ich noch keinen erlebt, eher in einer eigenen Welt.

    Oft als tragen sie ein Fläschchen mit sich, riecht nach Verdünnung und wird meines Wissens nach auch unter anderem daraus extrahiert.

    -> Volumensubstitution, Polizei hinzuziehen und in den Schockraum.

    Liebe Grüsse Martin

    1. Hallo Martin
      Ich arbeite ebenfalls in einer CH-Grossstadt im Rettungsdienst und parallel dazu im Notfallzentrum in einem der Spitäler der Stadt. Aus reinem Interesse: Was sind deine Überlegungen, mit dem Patienten den Schockraum anzusteuern? Klar, die Vitalparameter sind alle etwas aus dem Ruder. Ich hätte vermutlich trotzdem nur eine Normalkoje mit Minitorüberwachung angesteuert, bin deshalb gespannt was deine Gedanken dazu sind.

  2. Ich würde da eine Ecstasy-Intoxikation vermuten und ein komplettes ABCDE Accessment mit Augenmerk auf der Körperkerntemperatur sowie dem Volumenstatus durchführen. Weiterhin das sympathomimetische Toxidrom im Kopf behalten und je nach Patientenzustand einen i.V. Zugang mit Volumengabe sowie Lorazepam p.o. erwägen.
    Gruß von einem NotSan Azubi

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