NERDfall Nr. 08 – Teil 2: Eibengift-Intox, Postpartale Depressionen & Suizidalität

Das war zugegebenermaßen eine besonders hart zu knackende Nuss!
Dementsprechend heiß war auch die begleitende Diskussionsrunde – auf den Tisch kamen nicht nur Trizyklika-Intox und Postpartale Cardiomyopathie sondern auch allerhand EKG-Nerderei und der Umgang mit dem alleinigen Symptombild inkl. Push Dose Pressors, Muskelrelaxantien und Atemwegssicherung.

Wir bedanken uns mal wieder für den spannenden Austausch mit mittlerweile über 1700 Teilnehmer:innen und wünschen viel Spaß mit dem Begleitmaterial und vor allem der passenden Experten-Überraschung!
Ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken, wer bei dem Titel dahinter stecken muss – richtig! Niemand Geringeres als die ToxDocs selbst 😉

Wer Teil 1 verpasst haben sollte, kann sich hier einen Überblick über den turbulenten ersten Teil des Falls verschaffen.

Auch wenn die Überschrift bereits die Diagnose/n spoilert, geht’s natürlich erstmal wieder zurück an den Einsatzort:

Die inzwischen intubierte Patientin wird zum Fahrzeug verbracht und ohne weitere Vorkommnisse ins Haus der Maximalversorgung gefahren. Die Verdachtsdiagnose lautet zu diesem Zeitpunkt „unklarer Intox bei möglicher Suizidalität“. Gedanke bei der Transportzielentscheidung war vor allem die potentielle Dialysemöglichkeit.

Der Ehemann trifft ca. anderthalb Stunden nach seiner Frau in der Klinik ein. Der Sohn wird inzwischen von den Großeltern versorgt. Er habe verzweifelt noch einen Blick in den Verlauf ihres Laptops geworfen und entsetzt feststellen müssen, dass dabei einige „Selbstmordseiten“ auftauchten. Konkrete Pläne bzw. Substanzen konnte er jedoch keine ausmachen.
Im Verlauf des Tages und der Nacht muss die Patientin mehrmals reanimiert werden. Zum Morgen hat sich ihr Zustand jedoch stabilisiert.
Da das Tox-Labor keine Erkenntnisse bringt, wird das vor Ort asservierte Erbrochene in die Rechtsmedizin geschickt.

Im Verlauf der Woche decken sich die Ergebnisse mit den Ausagen der nun wieder ansprechbaren Patientin: Es habe ein Suizidversuch mit Eibengift stattgefunden. Sie erzählt, am Vormittag einen Spaziergang mit Sohn und Kinderwagen durch den nahegelegenen Park gemacht und sich dabei Eibennadeln mitgenommen zu haben. Zu Hause habe sie sich daraus dann eine Art Tee aufgebrüht und diesen zeitgleich zum Feierabend ihres Mannes getrunken. Akut geworden wären die Pläne scheinbar erst innerhalb der vorausgegangen Woche. Ihren Mann wollte sie mit Gesprächen hierüber jedoch nicht belasten. Auch während ihrer psychotherapeutischen Sitzungen distanzierte sie sich, wie auf den besuchten Portalen geraten, gezielt von derartigen Absichten.
Nach ca. 1 Woche kann die Patientin ohne körperliche Folgeschäden auf die psychiatrische Abteilung verlegt werden.


Hier jetzt also ein bisschen Material zu Eibengift-Intoxikationen, postpartalen Depressionen und Suizidalität in der Notfallmedizin:

Sollten dich die genannten Themen triggern können, überlege dir bitte genau, ob du weiterlesen möchtest.
Wenn du bereits das Gefühl haben solltest, Hilfe zu benötigen, zögere bitte nicht unter der bundeseinheitlichen 0800-1110111 die Telefonseelsorge zu kontaktieren oder dich auf dieser Seite über weitere Hilfsangebote zu informieren.

Da sich die Inhalte im PDF diesmal etwas übersichtlicher gestalten als im Website-Layout, gibts den Download hierzu gleich zu Anfang:

Part 1: Eibengiftintoxikation

Zunächst ein paar Bilder des Übeltäters:

Sonst lohnt es sich auch auf der Straße einfach mal bewusst die Augen danach offen zu halten, diese tückischen Schönheiten stehen nämlich tatsächlich an jeder Ecke.

Kurzer dendrologischer Exkurs:

● Bei uns meist verbreitetste Art: Taxus baccata alias Europäische oder Gemeine Eibe
● immergrüner Nadelbaum → sehr beliebt als Zierpflanze auf Privatgrundstücken und in Parkanlagen
● sehr widerstandsfähig → in allen Regionen zu finden; lässt sich gut kultivieren
● steht unter Artenschutz
● kann bis zu 1000 Jahre alt werden – ab einem Alter von 20-30 Jahren „geschlechtsreif“; tragen erst dann Beeren oder Zapfen
gibt weibliche und männliche Bäume:
weibliche Bäume: rote Beeren
→ Ausbildung ab August; Fruchtreife im Herbst
→ Alleinstellungsmerkmal: fleischiges Fruchtfleisch, welches Samen nicht vollständig umschließt
◦ männliche Bäume: weiße kleine „Zapfen“
● Nadeln: biegsam, vorne rund zulaufend, ca. 2,5 x 0,25 cm groß, Oberseite dunkelgrün, Unterseite heller
Giftige Bestandteile: Nadeln, Samen (nur zerkaut/zermahlen), Rinde – rotes süßliches Fruchtfleisch = ungiftig

An dieser Stelle schon mal ein kleines Tool, das bei der (Giftigkeits-)Identifikation von Beeren und Früchten helfen kann.

Das Gift:

  • Alkaloid-Gemisch
  • Taxan B ist Hauptwirkung zu zuschreiben:
    • sehr kardiotoxisch
    • Blockiert Natrium(iNa)- und Calcium(Ca2+L&T)-Kanäle an Herzmuskel/-schrittmacherzellen
      → wird z.T. mit Mischintox aus Antiarrhythmika Klasse I und Klasse IV verglichen
      → massive Verbreiterung der QRS-Komplexe (>160 ms)
    • setzt vor allem Dromotropie (AV-Überleitung) und Inotropie (Kontraktilität) herab
  • Taxan A besitzt im Gegensatz zu Taxan B nur bedeutend geringe kardiotoxische Wirkung
  • Glykosoide Bestandteile werden vermutet, da…
    1. Digitalis-Antidot z.T. therapeutischen Erfolg zu bringen scheint
    2. Das Labor z.T. positive Digitalis-Werte erbringt
    3. In vereinzelten Case-Reports von typischen Digitalis-EKG-Konfigurationen berichtet wird
    [Wirkung entspräche der von Digitalis/-präparaten]

Halbwertszeit: 11-13 Stunden
Letale Dosis: ca. 250mg Taxan B ≈ ca. 50g Nadeln bzw. 0,6-1,3g Nadeln/kgKG
Abbau: Großteil über Leberenzyme + anschließende Ausscheidung über Gallenflüssigkeit; nichtiger Anteil wird über Nieren eliminiert;
erfolgt nach 0. Ordnung = konstant, konzentrationsunabhängig

Allerdings: Keine ganz lineare Aussage möglich, da…
… die Zusammensetzung jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt
… die Zusammensetzung sehr Unterart-spezifisch ist
… die Wirkung dosisabhängig zu sein und sich im Verlauf bzw. während des Abbaus evtl. zu verlagern scheint

Die Vergiftung:

Hintergründe:

  • geschieht meist in suizidaler Absicht und nur sehr selten aufgrund von Verwechslungen
  • Kinder kauen Samen meist nicht, da sehr hart und bitter → werden schnell wieder ausgespuckt; einzelne Nadeln meist ungefährlich
  • kein Missbrauch als Droge, da keinerlei Rauschzustände herbei geführt werden

Art der Einnahme:

  • Zerkauen/mörsern und schlucken der Nadeln: gibt sehr lange und sehr viel Gift ab
  • Aufbrühen von Sud/Tee aus Nadeln:
    • Geschmack und Geruch werden hierbei häufig durch die Zugabe eines weiteren Tee(-beutel)s überdeckt
    • lässt sich makroskopisch nicht von Pfefferminztee o.Ä. unterscheiden
    • sehr schneller Wirkungseintritt
  • wird als unangenehmer, schmerzhafter Tod beschrieben, was z.T. zu Mischintoxikationen (häufig mit Sedativa/Analgetika) verleitet

Die Symptome:

Die Symptomausprägung und deren zeitlicher Verlauf ist wie bei jeder Intoxikation stark abhängig von vielen Faktoren (Dosis, Applikationsform, dem Patienten selbst, aktuellem Zeitpunkt im Intoxikationsverlauf, …).
Daher sollte folgende Grafik nur beispielhaft gesehen werden und spiegelt den „typischen“ Verlauf einer Intoxikation mit einer potentiell letalen Dosis des Eibengiftes wider.

Durch die stark kardiotoxische Wirkung, liegt der Schwerpunkt auf den unberechenbaren, refraktären Herzrhythmusstörungen, welche schlussendlich zum kardiogenen Schock und final zum Tod führen können. Wegweisendes Symptom kann die Mydriasis sein, welche isoliert ohne weitere anticholinerge Symptome auftritt. Die zentralnervöse Wirkung ist hier aktuell noch nicht abschließend geklärt, wodurch auch die konkrete Pathogenese der (eher selten) auftretenden fokalen und generalisierten Krampfanfälle noch offen ist.

Die Herzrhythmusstörungen:
Das Gift setzt vor allem die atrioventrikuläre- aber auch intraventrikuläre Erregungsausbreitung herab, weswegen sich häufig Folgendes zeigt:  

  • Tachykardien mit oft mono- oder polymorphen Extrasystolen
  • im Verlauf QRS-Komplex-Verbreiterungen → Breitkomplextachykardien
  • VT entwickeln sich im Verlauf häufig zu Breitkomplexbradykardien, z.T. mit VT-Triggerung
    → oft periodischer Wechsel von bradykarden und tachykarden Episoden
  • z.T. AV-Blockbilder
  • Kammerflimmern oder Asystolie
typisches EKG-Bild einer Taxan B-Intoxikation

Vorgehen und Therapie:

Erkennen bzw. erwägen!
unklare Vigilanzminderung + Mydriasis ohne weitere anticholinerge Symptome + sehr dynamische, größtenteils ventrikuläre, Herzrhythmusstörungen (s. oben)

Besonderer Anamnesefokus auf:
Anhalt für Depressionen oder Suizidalität? Suizidversuche in der Vorgeschichte? Wenn möglich kurzer Modified Sad Person Scale-Scan (s. unten)
Dauermedikation (ggf. aller im Haushalt Lebenden): Medis, welche für Mischintox infrage kämen? Wie sehen Blister/Packungen aus? Wenn möglich Mülleimer-Check
● Vor allem fremdanamnestisch: suspekter Tagesverlauf oder auffälliges Verhalten in den letzten Tagen?
Beruf und Freizeitgestaltung in Erfahrung bringen (Art des Suizides oft korrelierend); präklinisch: Einsatzstelle aufmerksam wahrnehmen
● gilt immer, hier jedoch besonders: aufmerksam zwischen den Zeilen lesen

Bei Verdacht auf Intoxikation großzügig Giftnotrufzentrale kontaktieren – diese kann oft schon allein durch Symptomatik Rückschlüsse auf Substanz ziehen

Wenn Intox bereits aus Einsatzmeldung ersichtlich ist, lohnt sich (gerade bei exotischeren Substanzen) oft auch schon auf der Anfahrt eine erste Kontaktaufnahme zur Giftnotrufzentrale – der/die Mitarbeiter:in kann sich so schon für ein späteres Telefonat vorbereiten und ggf. bereits erste Tipps geben.

Asservieren nicht vergessen!
Erbrochenes, suspekte Mahlzeiten/Getränke, alle auffindbaren Medikamentenblister und -packungen etc. sammeln und mitnehmen

Therapieren & assistieren
Da kein Antidot existiert gestaltet sich die Therapie vor allem symptomatisch-supportiv.
Die auftretenden Herzrhythmusstörungen sind dabei sehr refraktär – oft können sie weder medikamentös noch per elektrostimulierender Therapie durchbrochen werden.
Das heißt, der Körper muss zum größten Teil selbst mit der Elimination zurechtkommen; Wir können ihn dabei nur bestmöglich unterstützen und ggf. versuchen, die weitere Giftaufnahme zu reduzieren.
Die aktuellen Erkenntnisse basieren vor allem auf Case Reports, offizielle Leitlinien/Empfehlungen o.Ä. existieren aktuell (international) nicht.
Zusammengefasst lässt sich Folgendes für die Therapieansätze festhalten:

Maßnahmen zur Begrenzung der weiteren Toxinaufnahme:

Aufnahme als Nadeln/Nadelbrei… als Sud/Tee
klassische Magenspülunggenerell überholt; keine Evidenz bei hohem Risikopotential
(Warum?)
Bergung kaum möglich
Gefahr: Einspülen von Nadeln ins Duodenum
Kein Effekt,
da meist schon absorbiert
AktivkohleErfordert stabilen Patientenzustand; AspirationsgefahrKaum Effekt bei großen Mengen,
bei kleinen Mengen evtl. sinnvoll, ggf. nach vorheriger Gastroskopie

s. oben
GastroskopieUnter Sicht oft Bergung möglichs. oben

Maßnahmen zur Toxinbindung:

Bisherige Erfahrungen/Meinungen
Lipid EmulsionTaxan B besitzt hydrophobe Anteile = Ansatzpunkt der Lipidemulsion
– Abwägung bei geplanter/möglicher ECMO-Therapie! 1
keine Evidenz; in Theorie sinnvoll; positiver Effekt wird in Case Report beschrieben
Digitalis-AntitoxinVermutung von glykosoiden Bestandteilen in Toxingemisch
→ soll diese durch Kreuzreaktion binden
– Antherapieren und bei Erfolg weiterführen –
Keine Evidenz; positiver Effekt wird in Case Report beschrieben;
keine negativen Effekte zu erwarten
nicht überall verfügbar
1 Lee HM et al. What are the adverse effects associated with the combined use of i.v. lipid emulsion and ECMO in the poisoned patient? Clin Toxicol (Phila) 03/2015


Maßnahmen zur symptomatisch-supportiven Therapie:

Bisherige Erfahrungen/Meinungen
AmiodaronKeine Berichte von positiven Effekten; schwer steuerbar; lange wirksam; NW-Risiko → Literatur rät davon ab
Dialysekeine Giftelemination, denn: Taxine = relativ hohes Molekulargewicht und hydrophobkein Effekt auf Toxin; pH-Normalisierung nachhaltiger über allg. Zustandsstabilisierung
LidocainSpezifischer Na+-Kanalblock verlangsamt die intraventrikuläre Erregungsausbreitung
und soll so den Herzrhythmus stabilisieren; kontraindiziert bei AV-Block II
Wird vereinzelt empfohlen; keine Evidenz; inkonsistente Ergebnisse in der Anwendung
Hochdosis-Insulin-Euglykämie Therapie (HIET)
(super Zusammenfassung von LITFL)
Ca2+-Kanalblock = Hemmung der Insulinfreisetzung
(→ Hypoinsulinämie) = Behinderung des Kardiomyozyten-Stoffwechsels (u.a.)

Insulin-Therapie = Inotropie ↑
Zeigt gute Effekte bei Ca2+-Kanalblocker-Intox; bei rglm. BZ und K+-Wert Kontrollen keine NW zu erwarten;
aktuell keine Erfahrungsberichte bei Eiben-Intox
Natrium-BicarbonatErhöhte extrazelluläre Na+-Konzentration wirkt Na+-Kanalblock entgegen
+ ggf. Balancierung von Azidose & konsekutiver Umverteilungshyperkaliämie
Mittel der Wahl bei Na+-Block induzierten Breitkomplextachykardien,
inkonsistente Ergebnisse bei Eiben-Intox
SchrittmachertherapieErsatz der gestörten Erregungsausbreitung + Hilfe bei Bradykardie getriggerten VT
– je nach Möglichkeit transkutan oder transvenös; ggf. Overdrive-Pacing erwägen –
Herzrhythmusstörungen oft sehr refraktär,
sollte aber versucht werden
Extracorporale Membran-Oxygenierung (ECMO)2 Übernimmt jegliche kardiopulmonalen Funktionen und übergeht damit RefrakteritätUneingeschränkt positive Effekte und Erfahrungen
2 Wer sich fragt: „What is ECMO?“ findet hier ein gleichnamiges Erklärvideo von ICU Advantage oder hier eine klasse Übersichtsgrafik von ICU One Page


Reanimieren
Hier gilt es vor allem nicht zu vergessen, dass die Eibengift-intoxikation, wie jede andere Intoxikation, zu den reversiblen Ursachen gehört.

Prolongierte Reanimation sinnvoll!

Die allermeisten dieser Patient:innen haben auch nach längerer Reanimationsphase ein sehr gutes Outcome und können ohne Folgeschäden entlassen werden.

→ Bei suizidalem Hintergrund weitere psychiatrische Betreuung sicher stellen.

Der Nachweis:

Nachweisen lässt sich das Toxin zwar bis zu 120h nach Ingestion, allerdings lediglich per speziellen spektrometrischen Verfahren, welche nur in rechtsmedizinischen Abteilungen und einigen Giftnotrufzentralen zu finden sind. Durch den damit verbundenen Zeitaufwand, besitzt der labortechnische Nachweis keine Relevanz für das akute klinische Handeln.
Nachgewiesen werden könnte 3,5-Dimethoxyphenol, was jedoch auch nur ein positiv prädiktives Ergebnis, jedoch keine absolute Sicherheit darstellen würde. (Stoff kommt auch in anderen pflanzlichen Substanzen vor)
Eindeutiger und hilfreicher ist damit in vielen Fällen also das Vorfinden von Nadeln/Nadelbrei im Erbrochenen oder bei Gastroskopie.

Und weil das Beste bekanntlich zum Schluss kommt:
Ihr findet seit heute – als ob es abgesprochen wäre 😉 – einen brandneuen Beitrag der legendären ToxDocs, zu eben diesem Thema, auf ihrer Seite!

An dieser Stelle auch ein großes Danke an Christoph Hüser und Klaus Fessele, die bei den letzten Unklarheiten mit ihrer unheimlichen Expertise beratend zur Seite standen und für das Abrunden des Falls, netterweise in ihre EKG-Schatzkisten gegriffen haben.

Wer Lust und Laune hat, kann über folgende Links auch noch weiter durch in die spannende Welt der notfallmedizinischen Toxikologie surfen und sich so auch hilfreiche, allgemeinere Tipps zum Umgang mit Intoxikationen holen:

Und auch hier erneut der Hinweis: solltest du das Gefühl haben, nun Hilfe zu benötigen, zögere bitte nicht diese Nummer (0800-1110111) der Telefonseelsorge zu wählen oder dich auf dieser Seite über weitere Hilfsangebote zu informieren.


Part 2: Postpartale Depressionen (PPD)

  • nicht zu verwechseln mit postpartalen Stimmungstiefs, dem umgangssprachlichen Babyblues – diesen machen 70% aller Mütter innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt durch; Tief verschwindet jedoch bereits spontan nach einigen Stunden bis wenigen Tagen wieder
  • Für die PPD gelten die gleichen diagnostischen Kriterien wie für geburtsunabhängige Depression – Ein gutes PDD spezifisches Screening-Tool bietet jedoch die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS). Zwar ist das Ergebnis keiner sicheren Diagnose gleichzusetzen, kann aber ein guter Prädiktor sein.
  • allgemeine Risikofaktoren sind: mangelnde soziale Unterstützung, anhaltende Gesundheitsprobleme und/oder schwieriges Temperament des Kindes, Probleme in der Partnerschaft, traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit, genetische Prädisposition
    … und für eine besonders starke Ausprägung: junges mütterliches Alter, niedriger Bildungsabschluss, affektive Störungen und Angstzustände in der Vorgeschichte und die Diagnose eines Schwangerschaftsdiabetes
  • negative Auswirkung auf die Kindesentwicklung sind mittlerweile nachgewiesen
  • körperliche Gewalt gegen das Kind oder gar Infantizid sind selten
  • bei ca. 1/5 der Betroffenen treten Suizidgedanken auf
  • höhere Geheimhaltungsrate vor dem Umfeld als bei geburtsunabhängigen Depressionen
  • Väter nicht vergessen! 1-2 von 10 Vätern leiden ebenfalls an PPD (zusätzliche Risikofaktoren hier: PPD-Erkrankung der Mutter und finanzielle Sorgen)

Jetzt werden einige wahrscheinlich noch den definierten Zeitraum des Auftretens vermissen. Dieser wird jedoch von diversen Gesellschaften und Literaturen sehr unterschiedlich angegeben. Zum Teil werden Zeiträume beginnend in der Schwangerschaft genannt, da bereits hier die Angst vor Überlastung und dem Nicht-Gerechtwerden von Erwartungen und den Bedürfnissen des zukünftigen Kindes eine Rolle spielen können.

Zum anderen Ende der Zeitachse hat folgende Arbeit
erwähnenswerte Ergebnisse erbracht: 
Putnick DL et al. „Trajectories of Maternal Postpartum Depressive Symptoms“ Pediatrics 2020 Nov

Hier wurde die Upstate KIDS-Study (wissenschaftliche Beobachtung von ca. 5000 Mütter und deren Kindern über 36 Monate postpartum; USA) ebenfalls per EPD-Scale hinsichtlich postpartalen Depressionen ausgewertet.

Es wurden 4 verschiedene Verlaufsformen ausgemacht:

  1. konstant, schwach ausgeprägt
  2. Initial schwach ausgeprägt, im Verlauf konstant zunehmend
  3. Initial mittelstark ausgeprägt, im Verlauf abnehmend
  4. konstant, stark ausgeprägt

mit folgender prozentualer Verteilung:


Zudem wurde festgestellt, dass einige Mütter auch 3 Jahre nach Geburt noch unter PPD leiden.

Somit manifestiert sich die Depression also z.T. erst verzögert (Typ 2) bzw. spielt auch nach den aktuell verbreiteten 2 Jahren postpartum noch eine Rolle.
Es gilt also die Aufmerksamkeit von medizinisch-betreuender Seite diesbezüglich nicht zu früh abreißen zu lassen.

Und um das schwermütige Thema noch mit einem kleinen Happy End zu schließen: die PPD klingt therapiert bei nahezu 100% aller Betroffenen wieder ab (meist innerhalb der ersten Monate)


Part 3: Suizidalität in der Notfallmedizin

(1) Starker zweiteiliger Artikel von dasFoam mit folgenden Inhalten:

  • die ‚Modified Sad Persons Scale’
  • anschauliche Aufschlüsselung der Notarzteinsatz-Indikationen inkl. psychatrischem Anteil
  • die 10A Regel des aktiven Zuhörens
  • die Regeln der einfachen Sprache
  • die Stufen der Suizidalität der S2K Leitlinie Notfallpsychiatrie 2019 der DGPPN
  • generelle Tipps und No Gos markant verpackt im Akronym „EISBERGSALAT“

    Und als Highlight, wer liebt sie nicht, gibt’s sogar noch ein paar handliche Pocketcards mit obendrauf – hier also Teil 1 und Teil 2.

(2) Empfehlenswerte Podcastfolge 23 – Suizidalität (12/2020) der Fasttrack Jungs

(3) Artikel zum Umgang mit depressiven Patient:innen in der Notaufnahme der emDocs:
Im Fokus: ein Akronym zur Diagnose-Findung, die „Mimics“ und deren verdächtige Laborwerte und generelle Tipps zum Umgang mit dieser Patientengruppe.


Und damit abermals Danke für eure fulminante Beteiligung und bis zum nächsten NERDfall!


Teit natürlich auch gerne wieder eure abschließenden Gedanken und Anregungen in der Telegram-Gruppe oder per Kommentar!


Quellen:

Rutkiewicz A, Schab P, Kubicius A, Szeremeta F, Małysz F, Dadok J, Misiewska-Kaczur A. Yew poisoning – pathophysiology, clinical picture, management and perspective of fat emulsion utilization. Anaesthesiol Intensive Ther. 2019;51(5):404-408. doi: 10.5114/ait.2019.89952. PMID: 31769262.

Pilija V, Djurendic-Brenesel M, Miletic S. Fatal poisoning by ingestion of Taxus Baccata leaves. Forensic Sci Int. 2018 Sep;290:e1-e4. doi: 10.1016/j.forsciint.2018.07.017. Epub 2018 Jul 24. PMID: 30064830.

Labossiere AW, Thompson DF. Clinical Toxicology of Yew Poisoning. Ann Pharmacother. 2018 Jun;52(6):591-599. doi: 10.1177/1060028017754225. Epub 2018 Jan 24. PMID: 29363354.

Cerrato N, Calzolari G, Tizzani P, Actis Perinetto E, Dellavalle A, Aluffi E. Bizarre and scary ECG in yew leaves poisoning: Report of successful treatment. Ann Noninvasive Electrocardiol. 2018 Sep;23(5):e12535. doi: 10.1111/anec.12535. Epub 2018 Feb 28. PMID: 29488680; PMCID: PMC6931794.

Reijnen G, Bethlehem C, van Remmen JMBL, Smit HJM, van Luin M, Reijnders UJL. Post-mortem findings in 22 fatal Taxus baccata intoxications and a possible solution to its detection. J Forensic Leg Med. 2017 Nov;52:56-61. doi: 10.1016/j.jflm.2017.08.016. Epub 2017 Aug 25. PMID: 28865388.

Farag M, Badowski D, Koschny R, Skopp G, Brcic A, Szabo GB. Extracorporeal life support and digoxin-specific Fab fragments for successful management of Taxus baccata intoxication with low output and ventricular arrhythmia. Am J Emerg Med. 2017 Dec;35(12):1987.e3-1987.e7. doi: 10.1016/j.ajem.2017.09.031. Epub 2017 Sep 18. PMID: 28941873.

Wilson CR, Sauer J, Hooser SB. Taxines: a review of the mechanism and toxicity of yew (Taxus spp.) alkaloids. Toxicon. 2001 Feb-Mar;39(2-3):175-85. doi: 10.1016/s0041-0101(00)00146-x. PMID: 10978734.

Stewart DE, Vigod SN. Postpartum Depression: Pathophysiology, Treatment, and Emerging Therapeutics. Annu Rev Med. 2019 Jan 27;70:183-196. doi: 10.1146/annurev-med-041217-011106. PMID: 30691372.


Du bist noch nicht in der Telegram-Gruppe? Dann trete gerne bei!
Egal ob RH/Student:in/NotSan/Pflege/Notärzt:in/… ehrenamtlich oder hauptberuflich – jeder ist willkommen und kann sich einbringen oder auch einfach still ein paar spannende Ideen aufschnappen 🙂

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