Neugeborenen-Versorgung: Die Basics

Nachdem wir bereits über die optimale Vorbereitung für eine Neugeborenenversorgung mit Silja Wurm gesprochen haben, geht es nun um die Versorgung des Neugeborenen in den ersten Minuten. Dabei haben wir mit Silja viele wichtige Aspekte der Basisversorgung besprochen und für euch ein PDF mit den wichtigsten Punkten zusammengestellt. Nächste Woche gibt’s dann das Video zu den erweiterten Maßnahmen inkl. einem tollen Dosierungs-Tipp für Adrenalin.

Die bestens aufgelöste PDF zum Download gibt es hier:

Vorbereitung:

Bei drohender außerklinischer Geburt spielt die Vorbereitung eine große Rolle. Der in Teil eins beschriebene Versorgungsplatz sollte eingerichtet werden, Zugluft vermieden und für Wärme gesorgt werden.
Auch das Team muss vorbereitet werden: Wer übernimmt welche Aufgabe und wird noch weitere Hilfe von externen, spezialisierten Teams benötigt bzw. kann diese auch angefordert werden?

Geburt:

Zur Geburt selbst kannst du unsere Videos mit Steffi anschauen (Teil eins und Teil zwei).
Nach dem vollständigen Heraustreten des Kindes aus dem Geburtskanal erfolgt eine schnelle Erstbeurteilung: Erscheint das Kind vital und schreit, kann das Abnabeln auch erst nach etwa einer Minute erfolgen. Dabei sollte allerdings beachtet werden, dass das Kind etwa auf dem Niveau der Mutter verbleibt, um einen Volumenmangel durch die Nabelschnur zu vermeiden. Ein Ausstreichen der Nabelschnur wird nicht mehr empfohlen. Trotz aller Freude sollte darf das Abtrocknen und der Wärmeerhalt keinesfalls vergessen werden! 


Erscheint das Kind avital und zeigt keine Lebenszeichen, wird das Kind sofort, etwa 5-10 cm vom Nabel entfernt, abgenabelt. Wichtig: Generell müssen Nabelklemmen fest verschlossen werden! Richtig verschlossen sollte eine Nabelklemme nicht mehr zu öffnen sein.

Neugeborenenversorgung des leblosen Kindes:

Nach der Abnabelung erfolgt die sofortige Beurteilung von Tonus, Atmung und Herztönen. Zeigt das Kind auch nach gründlicher Stimulation (ca. 30 Sekunden) keinen Muskeltonus, keine Atembewegungen und schlägt das Herz mit weniger als 100 Schlägen/min. sollte zunächst die Lunge belüftet werden. 

Freimachen der Atemwege/Beatmung:

Dazu werden die Atemwege frei gemacht, indem das Kind in die sogenannte „Schnüffelposition“ gebracht wird (die Nase als höchster Punkt). Die Schnüffelposition kann zum Beispiel durch eine Schulterrolle erreicht werden, die das große Hinterhaupt ausgleicht. Ein Überstrecken des Kopfes darf keinesfalls erfolgen, dies würde den Atemweg verlegen.

Sind die Atemwege sichtbar mit Mekonium (oder Schleim etc.) verlegt, kann vorsichtig abgesaugt werden. Ein vagaler Reiz an der Rachenhinterwand (Bradykardie) und ungezieltes „Rumstochern“ muss unbedingt vermieden werden! Das früher übliche „Absaugen als Routine“ ohne sichtbare Verlegung sollte nicht erfolgen.
Zeigt das Neugeborene nach dem Freimachen der Atemwege weiter keine Reaktion und keine Atembewegung, folgen 5 Blähmanöver

Mit einer dicht sitzenden Maske und Raumluft erfolgen die fünf prolongierten (über 2-3 Sek.) Beatmungen. Ein Blähmanöver gilt erst bei sichtbarem Heben des Thorax als erfolgreich. Ggf. müssen Maske oder Lagerung optimiert werden. Das Blähmanöver hat einen hohen Stellenwert und muss in jedem Fall adäquat erfolgen! 

Nach den 5 Blähmanövern zunächst 30 Sekunden lang Beatmungen durchgeführt und dann die Situation reevaluiert.

Geht es dem Neugeborenen weiter schlecht, gibt es nun folgende Möglichkeiten:

  1. Herzfrequenz über 100 Schlägen/min. aber Atmung insuffizient bedeutet 30/min beatmen
  2. Herzfrequenz <60/min (trotz suffizienter Beatmung) bedeutet Thoraxkompression

Hier sind die Aussagen im Video und in den Shownotes etwas unterschiedlich und die Abbildungen der Guidelines etwas ungenau. Nach aktuellem NLS Kursbuch soll nach den 5 Blähmanövern über 30 Sekunden beatmet werden und erst bei Erfolglosigkeit dieser Maßnahmen mit der CPR (3:1) begonnen werden.

Sollte eine Maskenbeatmung nicht möglich sein, bietet sich zur Beatmung von Säuglingen ein nasopharyngealer „Rachentubus“ an.

Das ist ein in „Wendl-Position“ liegender Trachealtubus (Rachentubus) unter Verschluss von Mund und kontralateralem Nasenloch kann so in den meisten Fällen adäquat beatmet werden. Die Einführtiefe entspricht etwa der Distanz Nasenspitze –Ohrläppchen. Die Tubusgröße sollte in etwa der Nasenöffnung entsprechen. Genau wie bei der Maskenbeatmung müssen erhöhte Beatmungsdrücke vermieden werden, um keine Luft in den Magen zu pressen (max. 20cmH2O).

Thoraxkompression/Reanimation:

Thoraxkompressionen am Neugeborenen erfolgen am effektivsten in Zwei-Daumen-Technik: Der Thorax des Neugeborenen wird mit beiden Händen umfasst und die Daumen über dem unteren Drittel des Brustkorbes platziert.

Die Kompressionen werden beim Neugeborenen im Verhältnis 3:1 im Wechsel mit Beatmungen (FiO2 1,0) durchgeführt. So ergibt sich bei einer Frequenz der Kompressionen von 120/min. und eine Beatmungsfrequenz von 30/min.  Alle 30 Sekunden erfolgt nun eine Reevaluation. 

Nur in den seltensten Fällen führen die bis hier beschriebenen Maßnahmen bei suffizienter Ausführung nicht zu Erfolg. Dann werden medikamentöse Maßnahmen notwendig.

IV Zugang:

 Im Notfall eignet sich als Zugangsweg beim Neugeborenen bei ausreichender Expertise ein Nabelvenenkatheter oder alternativ ein intraossärer Zugangsweg. Gerade der intraossäre Zugang ist für Ungeübte wohl am schnellsten zu etablieren.

In die weichen Knochen des Neugeborenen kann dabei die IO Nadel mit der Hand eingebracht werden. So besteht ein besseres Feingefühl als mit den sonst üblichen Bohrern. Ein peripherer Venenzugang wird nur in den seltensten Fällen schnell gelegt werden und ist daher aus unserer Sicht als primärer Zugang im Notfall ungeeignet (Ausnahme: Neonatologische Kompetenz vor Ort).

Medikation:

Adrenalin 10 mcg/kgKG

Adrenalin wird alle 3-5 min verabreicht ab dem Zeitpunkt eines geschaffenen Zugangsweges.

Ein Teilstrich (0,1ml) pro kg Körpergewicht der 1ml-Spritze. Möglichkeit zum Einspülen der Mischung bereithalten (zB. 2ml NaCl)

Aufziehanleitung Adrenalin:

Volumen 10 ml/kgKG über 5-10 min

Als mögliche reversible Ursache sollte ein Volumenmangel ausgeschlossen werden. Der ERC empfiehlt dazu die Gabe eines Volumenbolus von 
10 ml/kgKG über 5-10 min. Die tatsächlich zu verabreichende Menge richtet sich nach der Wirkung und es muss beachtet werden, dass eine zu große Menge an Volumen die Gefahr bspw. einer intrakraniellen Blutung erhöht.

Glukose (2,5 ml/kgKG G 10%)

Auch eine postpartale Hypoglykämie kann in seltenen Fällen ursächlich für ein avitales Neugeborenes sein. Es sollte daher unbedingt einmalig der Blutzucker (z.B. an der Ferse) gemessen werden. Bei einem BZ unter 40mg/dl erfolgt die Therapie mit 2,5 ml/kgKG einer 10%igen Glukoselösung. 

Fazit:

  • Hauptaugenmerk bei der Behandlung eines avitalen Neugeborenen sollte auf den Basismaßnahmen – Stimulation, Wärmeerhalt und Belüftung der Lungen liegen
  • Nur wenige Neugeborene werden weitere Maßnahmen wie Thoraxkompressionen oder gar Medikamentengabe benötigen. 
  • Ein frühzeitiges Hinzuziehen von Experten sollte immer bedacht werden.

Quellen:

ERC Leitlinien 2015 (Versorgung und Reanimation des Neugeborenen)

Kindernotfall ABC 3. Auflage (Nicolai, Hoffmann)

PinUpDocs Beitrag Mai 2019

Autor: gophilipp

Ich bin begeisterter Notfallmediziner aus Nürnberg. Ich arbeite in der Notaufnahme und als Notarzt sowie ärztlicher Dozent und versuche mich mit Nerdfallmedizin an der FOAMed Welt zu beteiligen.

4 Kommentare zu „Neugeborenen-Versorgung: Die Basics“

  1. Hallo,
    Ich finde, es gibt eine weitere, vielleicht noch praktischere Art das Adrenalin vorzubereiten.
    Eine Ampulle, also 1mg auf 100ml NaCl bzw. wenn nicht vorhanden 0,5mg auf 50ml NaCl.
    Dann kann man pro kg KG einfach einen ml geben und das nachspülen und das genau dosieren ist nicht so kompliziert wie bei der auf zehn aufgezogenen Ampulle.

  2. Hallo!
    Bei mir hat der Link „Mehr von diesem Beitrag lesen“ nicht funktioniert?!
    Ich habe es per Mail bekommen …

    Bekomme einen Fehler: „Seite nicht gefunden“?

    Besten Dank!

    Lg Christian

    ________________________________________

    CHRISTIAN REISENAUER
    Ortsstelle Bad Ischl | Notfallsanitäter u. Praxisanleiter

    Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband OÖ, Ortsstelle Bad Ischl
    Grazer Straße 71b, 4820 Bad Ischl, Österreich | ZVR: 534696372
    T: +43/6132/21455-0 | F: +43/6132/21455-20
    E: christian.reisenauer@o.roteskreuz.at | W: http://www.roteskreuz.at/ooe

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