NERDfall Nr. 19 – Teil 1: Das febrile Kind

Kaum werden wir von den ersten warmen Temperaturen verwöhnt, haben wir auch schon einen Sommerferien-Fall aus dem Archiv geholt.
Wir sind gespannt, was die Diskussion diesmal auf den Tisch bringt – viel Spaß!

Der 1/83-3 befindet sich an einem unaufgeregten Montagvormittag auf dem Rückweg zur Wache als ihn ein Folgeeinsatz erreicht: pädiatrischer Notfall – Zusatzinfo: unklares Fieber, Einsatz ohne Sonderrechte.

Die Besatzung – Notfallsanitäterin + angehende NFS (3.LJ) – wendet und macht sich auf in ein gutbürgerliches Wohngebiet. Die Kleinstadt ist in der aktuellen Sommerferienzeit gepflastert von Baustellen, weswegen sich die Anfahrt ein paar Minuten länger als gewöhnlich gestaltet.
Die beiden Notfallmedizinerinnen klingeln und werden von der Mutter in Empfang genommen. Sie führt sie ins Wohnzimmer, wo sich auf dem großzügigen Ecksofa ein ca. 6-Jähriger, in Decken eingepackter, offensichtlich erschöpfter Junge samt Kuscheltier-Dino befindet.
Er linst kraftlos aus seinen halbgeöffneten Augen. Die Atemfrequenz liegt bei ca. 26 Atemzügen/min, das Gesicht ist rosig und die Haut scheint trocken.
Die Mutter berichtet, dass ihr Sohn bereits vor ca. knapp einer Woche für ca. 4 Tage gefiebert hätte, sie eigentlich dachten, über den Berg zu sein und er jetzt heute aber doch wieder aufgefiebert hätte. Zudem habe Emil heute schon 3mal erbrochen und schlimme Bauchschmerzen, was auch nicht mehr ganz zu ihrer ursprünglichen Vermutung einer kleinen Sommergrippe passen würde.
Normalerweise hätte sie auch nie den Krankenwagen gerufen aber der Kinderarzt habe zu und er behalte einfach keine Flüssigkeit bei sich. Ihre letzte Temperaturmessung lag vor ca. 20min bei 38,3°C (aurikulär).
Die Notfallsanitäterinnen entscheiden sich für das Aufsetzen von FFP2-Masken, die Auszubildene ordnet ihre Gedanken für die weitere Anamnese und die Kollegin beugt sich vor um Emils Puls zu fühlen. Er antwortet schwach und vor allem per leichtem Kopfnicken und -schütteln auf ihre Annährungs- und Anamnesefragen. Sie hilft der kleinen, kalten Hand aus dem Deckenwirrwarr und tastet einen etwas schwachen, rhythmischen Puls mit einer Frequenz von 120. Die infolgedessen geprüfte Rekapzeit liegt bei 3 Sekunden.
Auf die Nachfrage zu einer möglichen bestehenden Wesensveränderung gibt die Mutter an, dass Emil immer sehr schüchtern Kind sei und außer der Schlappheit für sie sonst keine Auffälligkeiten bestünden. Nur während des ersten Fiebers hätte er z.T. etwas wirr vor sich hingemurmelt aber das kenne man ja.

Zeitlich befinden wir uns in einem Sommer vor der COVID-19-Pandemie.

Zusatzinfo 13.05.2022:
Die Mutter erzählt vom vorangegangenen Südfrankreichurlaub, aus welchem sie in der Nacht von Freitag auf Samstag zurückgekommen wären. In letzter Urlaubshälfte sei es zum erwähnten Fieber samt heftigen Kopf- und Gliederschmerzen gekommen. Da ihr Sohn zu Fieber neige und er auf dem Campingplatz viel wechselnden Kontakt mit Kindern gehabt hätte, sei das für sie jedoch keineswegs alarmierend gewesen. Glücklicherweise wäre es ihm dann auch während der nächtlichen Rückfahrt bereits sehr viel besser ergangen. Hier zu Hause hätte er zwar noch deutlich in den Seilen gehangen aber das sei für sie nach der Fahrerei und vorangegangener „Sommergrippe“ nur nachvollziehbar gewesen. Sonst habe er bisher keinen Durchfall gehabt und auch restliche Familie inkl. Vater und Bruder (9 Jahre) hätten bisher keinerlei Magen-Darm-Symptome. Eigentlich schließt sie Essen und Trinkwasser als Verursacher aus; ihr kam nur kurz Vermutung, dass vielleicht in einem Zelt anderer Familien irgendetwas zu lange in der Hitze lag. Man weiß ja auf dem Campingplatz nie, was sie sich den Tag über so erräubern.

Zusatzinfo 14.05.2022:
Vorerkrankungen und Allergien seien keine bekannt, er sei wie empfohlen geimpft, habe heute noch keine Medikamente und während des ersten Fiebers lediglich 2mal ein Paracetamol-Zäpfchen bekommen. Kontakt zu den anderen Eltern bestünde keiner, daher wisse sie nicht, ob sich inzwischen evtl. noch weitere ähnliche Erkrankungsbilder bei Spielkamerad:innen abspielen. Das Erbrochene sei unauffällig gewesen und sowohl auf Essen/Trinken als auch spontan aufgetreten. Der Blutdruck wird orientierend über das Longsleeve gemessen: 100mmHg syst; ansonsten BZ 102mg/dl, KT 38,3°C, Schleimhäute feucht, Abdomen weich jedoch druckdolent über alle Quadranten, zu keiner Zeit Meningismus, Pupillen isokor mittelweit und prompt lichtreagibel.
Der Junge kann zur Untersuchung kaum die Kraft aufbringen, sich aufzusetzen.

Zusatzinfo 15.05.2022:
Inzwischen ist der Vater hinzugekommen und den Eltern wird eine Klinikabklärung empfohlen. Durch die telefonische Anmeldung wird in der Klinik ein Iso-Zimmer vorbereitet. Das Team entscheidet sich aufgrund des Blutdrucks gegen eine VEL-Infusion und gemeinsam mit Patient und Eltern gegen eine Analgesie. Es wird beschlossen, dass die Eltern Emil mit deren Privat-PKW in die Klinik bringen. Als die Mutter Emil für die Klinik umzieht, klagt dieser nicht nur erneut über Übelkeit: am Rücken und der rechten Seite fallen jetzt zusätzlich kleine, tiefrote, akkurat begrenzte Punkte (Ø 1-2mm) auf. Die NFS schauen sich fragend an. Auch den Eltern sind die Punkte neu. Die nun stattfindende Ganzkörper-Inspektion erbringt, außer einer verschorften Kratzwunde am linken Schienbein, keine weiteren Auffälligkeiten und damit für die Anwesenden auch keine Indikation für eine Planänderung.
Familie und RTW-Team verlassen gleichzeitig das Haus, man verabschiedet sich und das RTW-Team ist sich einig, später bzgl. der roten Punkte in der aufnehmenden Klinik nachfragen zu wollen. 


Was würde dich noch interessieren?
Wovon würdest du das weitere Vorgehen abhängig machen?
Äußert natürlich gerne auch alle weiteren Überlegungen zum Fall!


Hier geht’s wie immer direkt zum kollegialen Austausch in unserer Telegram-Gruppe:

Und hier zum interaktiven Übersichtsdokument, in welchem ihr für eine einfachere Verfolgbarkeit der Diskussion bereits formulierte Gedanken sammeln könnt.

Die Auflösung gibt’s inzwischen hier 😉

9 Kommentare zu „NERDfall Nr. 19 – Teil 1: Das febrile Kind“

  1. Bei der zweigipfligen Geschichte dachte ich zunächst an ne HSV-Enzephalitis. Ob diese roten Punkte allerdings schon auf ein Waterhouse-Friderichsen hinweisen?
    Ich würde jedenfalls recht schnell schauen, dass man Acic und Ceftriaxon in den jungen Mann kriegt

  2. Kleine rote Punkte beim fiebernden Kind mit verlängerter Recap (was ein ernstes Warnzeichen ist)??

    Nicht wegdrückbar? = Petechien -> mit Fieber und verlängerter Recap V.a. Sepsis (z.B. Pneumokokken, Meningokokken), absoluter Notfall, großzügig Volumen und so schnell wie möglich Transport in nächste Kinderklinik mit Intensivstation

    Wegdrückbar? = keine Petechien. Entspannt. A.e. Exanthem, kann alles mögliche sein. Aber wirklich alle wegdrückbar? Wenn nicht oder unsicher: siehe oben.

  3. Spontanentscheidung:
    Sofortige Verbringung des kleinen Patienten unter Flüssigkeits-Substituon zum Maximalversorger mit Verdacht auf virale (Coxsackie-Virus) Meningitis.
    Begründung:
    Nackensteifigkeit ist bei dieser Altersgruppe nicht zwingend.
    Anamnese einer „Sommergrippe“
    Beschriebener Allgemeinzustand (Schwäche, Körpertemperatur, Pulsfrequenz, etc.)
    Bauchschmerzen und Erbrechen, jedoch kein Durchfall

    Lieber Gruß vom MediFrog

  4. Wie ist die axilläre und rektale Temperatur?
    Hat der kleine Kerl etwas außergewöhnliches gegessen?
    Wie ist die Verdauung? Urin?
    War er vielleicht lange draußen spielen und hat evtl zu viel Sonne abbekommen?
    Verunreinigtes Wasser getrunken? (Planschbecken/Schwimmbad)

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